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Der fast kopflose Haydn 

[29.6.] Bei der Fußball-EM werden derzeit wieder Hymnen gesungen. Von ruhigen Gesängen bis zu martialischem Kampfgeschrei ist alles dabei. Ein fremdenführerischer Blick auf die deutsche Nationalhymne lohnt sich. Wer war der Kopf hinter der Melodie? Wichtiger noch: Wo war er? Ein Kriminalfall.  

Hymnen Hin und Her 

Bei der EM geht es viel um das Drumherum: Qualitativ hochwertige Spielanalysen der Spieler (“Wir müssen versuchen, mehr Tore zu schießen, als die anderen”; “Weiterkommen tut nur, wer gewinnt”), ältere Herren, die vor sich hin plaudern und die Stadionkameras, die sich immer die schönsten Frauen und bierbauchigsten Männer heraussuchen. Letzten Endes geht es aber auch um übereifrigen und pathetischen Patriotismus. Hymnen spielen hier eine wichtige Rolle und die der Deutschen ist ein wunderbares Beispiel: Eingängig und wohlgefällig geht die Melodie dahin, während die dritte Strophe des mythenumrankten „Liedes der Deutschen“ gegrölt wird. Warum eigentlich nur die dritte Strophe? Nun, die Textzeilen „Deutschland, Deutschland über alles“, sowie „deutsche Frauen, deutsche Treue“ aus den anderen Strophen waren nicht mehr allzu zeitgemäß.  

Die Melodie ist das Entscheidende, ist sie doch nach der der Marseillaise eine der peppigsten. Sie stammt von niemand geringerem als Joseph Haydn (1732-1809). Aber Haydn wurde doch in Rohrau im heutigen Niederösterreich geboren, denken sich nun die musikgeneigten Fußballfans, wieso komponierte er das Lied nicht für die habsburgischen Kronländer? Nun, das hat er doch! Haydn komponierte das Musikstück eigentlich zu folgendem Text: 

Gott erhalte Franz, den Kaiser, 
Unsern guten Kaiser Franz! 
Lange lebe Franz, der Kaiser, 
In des Glückes hellstem Glanz! 
Ihm erblühen Lorbeerreiser, 
Wo er geht, zum Ehrenkranz! 
Gott erhalte Franz, den Kaiser, 
Unsern guten Kaiser Franz! 

Die Reimfolge von Franz – Glanz – Kranz – und wieder Franz ist nicht nur stilistisch wunderschön, sie passt auch noch perfekt zu Haydns Melodie. Der Text stammt von Lorenz Leopold Haschka. 1797 uraufgeführt, in Anwesenheit des Kaisers Franz höchstpersönlich, ist die Kaiserhymne bald auch Hymne des Kaisertums Österreich und bis zum Ende der Monarchie war sie mit leichten Abwandlungen die einzig offizielle Hymne in allen habsburgischen Ländern. Aber nach dem Ende der Monarchie war der Text hin-, die Melodie aber immer noch ge-fällig. So gefällig, dass die Deutschen sie sich einfach geklaut und das Lied der Deutschen darüberlegten haben. Klares Foulspiel! 

Spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg stellte sich endgültig die Frage: Was tun mit der Hymne? Österreich entschied sich, eine neue Hymne zu verwenden und nahm notgedrungen die eher fade dahinlaufende Melodie von Johann Baptist Holzer, den man damals noch für Beethoven hielt. Neulich monierte ein Journalist des Standards vollkommen treffend: Österreich spielt nicht wegen, sondern trotz der faden Hymne.  Der Text der Hymne stammt übrigens von Paula Preradovic, die die Schule der Englischen Fräulein in St. Pölten besucht hatte. Von der Schönheit St. Pöltens und der Umgebung inspiriert, schuf sie das friedfertige und leicht schwulstige Gedicht, das wunderbar zur Melodie passte. Aber die österreichische Hymne ist ein anderes Thema. 

Schädellehre statt Schädelleere  

Genug zum Hymnenstreit. Österreich und Deutschland werden bei dieser EM nicht aufeinandertreffen, vielleicht bei der nächsten. Bis dahin können wir uns einmal den genialen Musiker hinter dem Musikstück ansehen: Joseph Haydn, Vertreter der Wiener Klassik, Lehrmeister von Mozart und Beethoven und überragender Komponist kirchlicher wie weltlicher Musik. Einen großen Teil seines Lebens verbrachte er im Dienste der Familie Esterhazy und damit in Eisenstadt, der heutigen Hauptstadt des Burgenlandes. Also abgesehen von seinen beeindruckenden Leistungen zu Lebzeiten, hat er es außerdem geschafft, Eisenstadt touristisch interessant zu machen (die Stadt wirbt stolz mit dem Slogan “Haydnstadt Eisenstadt”). Seinen Lebensabend verbrachte er vor den Toren Wiens. Als Napoleon 1809 abermals die Stadt besetzte, verfügte er, vor Haydns Haus Wachen zu postieren, um dem viel verehrten Musiker ein ruhiges (Ab)leben zu ermöglichen.  

Wirklich kurios wird die Geschichte aber erst mit Haydns Beerdigung. Er wurde im heutigen Meidling begraben, bis die Familie Esterhazy sich seiner erinnerte und ihren verstorbenen Hofmusiker zu sich holen wollte. Bei der Exhumierung kam aber der Schock: Der Schädel fehlte! Irgendjemand hatte Haydns Haupt gemopst! Und ohne Haydns genialen Kopf war das Exhumieren nur der halbe Spaß. Man begann, Nachforschungen anzustellen und stieß auf ein damals sehr beliebtes Forschungsgebiet: Schädellehre.  

Phrenologie, von Franz Joseph Gall begründet, ist eines dieser Forschungsgebiete, die heute nicht mehr allzu beliebt sind, weil sie Anfang des 20. Jahrhunderts zunehmend für Rassentheorien verwendet wurden. Damals aber wollte man schlicht herausfinden, ob durch die Form des Schädels Rückschlüsse auf Talente und Charaktereigenschaften gezogen werden können. Müsste man nicht, so die Theorie, durch die Analyse von Haydns außergewöhnlich genialem Kopf, neue Erkenntnisse über die Funktionsweise des Gehirns gewinnen können?  

Haydns homeless head 

So kam es, dass ein frecher Phrenologe den freundlichen Friedhofswärter freigiebig entlohnte, um den musikalischen Meisterschädel samt Haydns Hirn zu entwenden. Der Dieb war ein Sekretär der Esterhazys namens Rosenbaum und wollte den Kopf partout nicht herausrücken. Als die Polizei an die Tür klopfte, um das Haus zu durchsuchen, gab Rosenbaum den Schädel seiner Frau, mit der Bitte, ihn in ihrem Bett zu verstecken und sich krank zu stellen. Man stelle sich vor: Die Frau eines Verdächtigen versteckt das Beweismittel während der polizeilichen Durchsuchung...heutzutage undenkbar.  

Zur Ablenkung wurden nicht nur ein, sondern zwei andere Schädel ins Spiel gebracht, die als Haydns Original ausgegeben wurden. Einer davon landete dann in Eisenstadt und wurde mit seinem echten Torso bestattet. Wem die beiden neuen Schädel gehörten, das vermag niemand mehr zu sagen. Haydns Kopf jedenfalls stand noch eine ordentliche Odyssee bevor: Über Freunde und Komplizen und durch die halbe Hautevolee Wiens kam der Schädel letztlich zum Verein der Musikfreunde, wo er bis 1954 aufbewahrt wurde. Zuvor, 1909, hatte ein gewisser Julius Tandler den Schädel auf seinem Schreibtisch liegen. Tandler war eine bedeutende Figur des Roten Wien und wegweisend für die Sozialprogramme der Stadt, allerdings auch ein schrecklicher Eugeniker. Nichtsdestotrotz vermaß auch er Haydns Schädel und gab ihn irgendwann dann weiter.  

Das Runde muss ins Eckige 

Mittlerweile sind wir im Jahr 1954, fast 150 Jahre nach Haydns Tod und der Schädel kullert immer noch irgendwo herum. Forderungen aus Eisenstadt, das mittlerweile zur Hauptstadt des jüngsten Bundeslandes Österreichs geworden war, wurden lauter: Her mit dem Hirn! oder so ähnlich wurde gerufen. Man wollte einen ganzen Haydn bestatten und natürlich auch die mediale Aufmerksamkeit für das ansonsten noch recht unbekannte Städtlein schaffen. Aus Gründen der Pietät und als Zeichen des Wohlwollens kam der richtige Kopf dann wirklich in die Bergkirche von Eisenstadt, wo Haydns Grabmal bis heute besucht werden kann. Die offizielle Beerdigung war feierlich und festlich, es wurde musiziert und man fühlte sich fast so, als hätte man einen richtigen Ball für den Kopf veranstaltet, einen Kopfball also. Haha.  

Was mit dem schon dort befindlichen Schädel passiert ist, ist nicht überliefert. Wir wünschen seinem Überreste nur das Beste. Spannend wird es dann werden, wenn herauskommt, dass auch der jetzige Schädel nicht der echte ist. Dann wird ein neues Kapitel der Kopfsuche aufgeschlagen. Nach heutigem Stand können wir aber mit Fug und Recht behaupten, um wieder zum Fußball zurückzukehren: Das Runde, also der Schädel, ist endlich im Eckigen, dem Sarg, angekommen. Friede, Freude, Phrenologen.  

[T.H.]

 

 

Joseph II. hatte keine Jö-Card

 

[5.5.] Ein Aufschrei hallte neulich durch die niederösterreichischen Lokalnachrichten. Die Lebensmittelkette Billa plane doch ernsthaft „Billaboxen“ in bäuerlichen Regionen aufzustellen. Das dies eine direkte Konkurrenz für die dortigen Landwirte darstellt, scheint nur schlüssig. In diesem Artikel wird diese ansonsten eher unspektakuläre Nachricht zu einem Ereignis von historischer Tragweite aufgebauscht. Es gilt:  Absolutismus versus Billa plus!

Produktplatzierung unvermeidlich

In der Regel spricht man von drei großen Kränkungen der Menschheit: dass die Erde nicht der Mittelpunkt des Universums ist (Kopernikus), dass der Mensch vom Tier abstammt (Darwin) und dass der Mensch nicht einmal „Herr im eigenen Haus“ ist, also Teile seiner Psyche unbewusst ablaufen (Freud). Für den österreichischen Lebensmittelhandel könnte man noch drei weitere Kränkungen ergänzen: dass der Marktführer Billa an die deutsche REWE Gruppe verkauft wurde (1996), dass man für 1 Ö (die Währung des Jö-Bonusclubs) einen Gegenwert von bestenfalls 1 Cent bekommt (2019) und schließlich, dass Merkur jetzt Billa Plus heißt (2021). 

Über den okkulten Jö-Bonusclub und dessen Kryptowährung könnte viel geschrieben werden. Wer sich hier weiter informieren möchte, dem sei Peter Kliens Beitrag dazu ans Herz gelegt. Das Ende von Merkur als eigenständiger Marke war ein Paukenschlag. Der Hausverstand - ursprünglich männlich mit Rollkragenpullover, dann weiblich, jetzt transzendental - hat über Franz (wie „Friends“ ausgesprochen) obsiegt. Bedeutet dies das Ende der neongrünen Megamärkte? Mit Tränen in den Augen blickt man auf die nächtliche Skyline St. Pöltens, die nur durch drei Lichtquellen erhellt wird: den Klangturm, den Dom und den Merkur bei der Willi-Gruber Straße. Leuchtet uns sein Licht nachts weiter den Weg? Oder müssen wir bald mit Macbeth sprechen: „Aus, neongrünes Licht, das Leben ist nur ein wandelnd Schattenbild“? Time will tell. Und welcher Fuchs hat übrigens beschlossen, Merkur ab jetzt Billa Plus zu nennen und Billa nicht Merkur Minus? Das Marketing ist stark mit ihm.

Bevor wir nun zu der neuesten Kontroverse des Billa-Imperiums kommen, den Billaboxen, schauen wir uns kurz einmal die Unternehmensgeschichte von Billa an. Gegründet wurde der „billige Laden“ von Karl Wlaschek (1917-2015), der zuerst eine Parfümeriekette hatte und ab 1961 dann auch Lebensmittelfilialen sprießen ließ wie Spargel im Mai. Sein Erfolgskonzept bestand darin, dass in diesen Supermärkten alle Sorten von Lebensmitteln gekauft werden konnten (Bäcker, Fleischhauer und Gemischtwarenhändler in einem) und dass Kunden selbst ihre Warenkörbe befüllten. Damals revolutionär, heute Standard. Sukzessive wurde Karl Wlaschek zum Multimillionär und galt vor seinem Tod als der drittreichste Österreicher (der Welt!), nur geschlagen vom Novomatic Gründer Johann Graf und Dietrich Mateschitz. Wlaschek, der neben Billa auch Bipa („billige Parfümerie“), Libro und eben Merkur gründete, verkaufte 1996 große Teile seines Imperiums an die deutsche REWE-Gruppe. Den Rest seines Lebens verbrachte er mit Immobilien-Shopping und dubiosen Aussagen in Radiointerviews („Beim G’schäft bin i guat, bei de Weiber bin i a Depp“ sagte der dreifach geschiedene alte weiße Mann). Im Palais Kinsky an der Freyung ist auch seine Grabstätte zu finden, eine moderne Gruft in einem barocken Palais. 

Billa Boxkampf

Heute gibt es mehr als 1.100 Billa Filialen allein in Österreich. Um auch die entlegensten und isoliertesten Gegenden des Landes zu erreichen, wurden nun die Billa Regional Boxen ins Leben gerufen: kleine Selbstbedienungsläden mit regionalen Produkten, ein „innovatives Ultra-Nahversorger-Konzept“, wie die Rewe-Group schreibt. Ultra-Nahversorger, allein für diesen Neologismus muss man Marketing lieben. Vier davon stehen schon in Kärnten, weitere sind im Waldviertel angedacht. 

Schießen die Billa-Nahversorgerboxen jetzt wie leckerer Bärlauch aus dem Boden, oder entpuppt sich das Konzept als Maiglöckchen für die Landwirte? Die Kleinbauern, die oft selbst schon solche Miniläden aufgebaut haben, fürchten Kundenschwund, denn Billa hat ein füchsisches Marketingteam, das sich Dinge wie „Ultra-Nahversorger“ einfallen lässt, während regionale Anbieter sich selbst um knackige Namen kümmern müssen (unlängst las ich von der fahrenden Eierverkäuferin die ihr Geschäft „Allerl-Ei“ nennt).  Welcher Kunde shoppt schon gerne in den Miniläden von „Schmankerlbox“ (Grafenschlag) oder besucht den „Milch-Drive-In“ (Raking), wenn im Nachbardorf eine attraktiv-alliterierende Billabox steht? Fuchs, du hast die Kunden gestohlen! 

Der Ab Hof-Verkauf ist also in Gefahr. Dabei ist der Ab Hof-Verkauf ein vom Kaiser höchstselbst gegebenes Grundrecht und damit, meine Damen und Herren, sind wir schon mitten drin im Zeitalter der Aufklärung! 

Habsburg, Heurigen und Ab Hof

Joseph II. (1741-1790) ist einer jener Habsburger, den man aus Anekdoten vielleicht noch ganz gut kennt. Der Sohn von Maria Theresia war im Gegensatz zu seiner Mutter ein – um beim Gemüsejargon zu bleiben - Erbsenzähler. Die geerbten Geldprobleme konterte er mit allerhand abstrusen Reformen. Klöster wurden geschlossen und deren Gründe verkauft, die Anzahl an Kerzen beim Gottesdienst streng reglementiert und sogar Begräbnisrituale wurden reformiert. Der josephinische Sparsarg war ein frühes Beispiel von Recycling, da der Sarg wiederverwendbar war. Durch eine Klappe ließ man den Leichnam einfach in die Grube plumpsen und konnte den Sarg gleich nochmal gebrauchen. Joseph erfand also den ersten Beerdigungs-Discounter, doch die Zeit war noch nicht reif dafür – nach wenigen Monaten musste er die Reform zurücknehmen. Nach nur zehn Jahren der Regentschaft hatte der Aufklärer die Finanzen des Reichs gerettet, hatte aber extrem niedrige Beliebtheitswerte. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass auf ihn der Narrenturm, die Verbesserung des Grundwassers in Städten und die Öffnung des Praters zurückgeht, also ganz so schlecht war er nicht. Aber dazu vielleicht ein andermal.
 

Joseph II. hatte aber noch etwas bewirkt– und das ist so dermaßen wesentlich, dass heute niemand mehr darüber nachdenkt. 1784 erreichte den Kaiser ein Protestschreiben aus der Grafschaft Görz, heute ein Teil Sloweniens. Die Bauern beschwerten sich über einen Grafen, der sie zwang, ausschließlich dessen Wein zu verkaufen. Kurzerhand veröffentlichte Joseph eine Zirkularverordnung, die da besagte, dass jeder Bauer sämtliche Lebensmittel, Wein und Most jederzeit verkaufen darf, solange er diese selbst hergestellt hat. Dieses Dekret wird gerne als die Gründungsurkunde des Heurigen bezeichnet. Zurecht, denn ab diesem Moment konnten die Bauern ihren eigenen Wein zu selbstbestimmten Preisen ab Hof verkaufen und mehr braucht es für einen Heurigen ja nicht (zünftige Brettljause, leicht umkippbare Holzbänke und Musik zum Schöntrinken sind Begleiterscheinungen). Fun fact: In Deutschland nennt man den Heurigen auch Straußenwirtschaft, was entgegen einer früheren Hoffnung meinerseits nichts mit einer Straußenfarm zu tun hat, sondern mit dem uns bekannteren „Buschen“, also Kranz oder eben Strauß, der „ausg’steckt“ wird.

Der Heurigen ist also ein Aspekt des weiter gefassten Konzepts des Ab Hof Verkaufs. Das später immer wieder erneuerte Gesetz gilt im Prinzip bis heute. Das heißt: Landwirte dürfen ihre Produkte dank Joseph II. jederzeit vor Ort verkaufen und kein Gesetz der Welt hindert sie daran, das mit schlechten Wortspielen zu bewerben ("Karlis Kartoffelparadies”, “Bertas beste Brettljause”, “Spartas Spargelstecher”)!

Fazit: Das große Ganze & die grüne Pflanze

Ob die Billaboxen tatsächlich zur Gefahr für die Kleinbauern werden oder ob die Medien nur den Versuch unternommen haben, über etwas anderes als die Pandemie zu berichten, sei dahingestellt. Aber allein an diesem Beispiel lässt sich wunderbar ablesen, wie präsent Geschichte im Alltag sein kann. Einen Sprung von Kaiser Joseph zum Jö-Club zu wagen, bietet nicht nur nette Perspektiven auf aktuelle Schlagzeilen, sondern kann auch ein herrschaftlicher Vorwand sein, Vorschläge für regionale Minimarktnamen zu verstreuen. Passend dazu: Bauer Bertl’s bombastischer Brokkoli. 

Wissen, so kurios und unnütz es auf den ersten Blick scheinen mag, zahlt sich irgendwann immer aus. Wenn Sie bei einem Spaziergang in der Wiener Herrengasse am Palais Kinsky vorbeikommen, schauen Sie doch einmal rein und bestaunen Sie Wlascheks Büste. Sie werden sich an diesen Text erinnern. Das ist nur ein einzelner Innenhof, den Sie sonst vielleicht nie beachtet hätten. Und über die historische Tragweite von regionalen Minimärkten haben Sie sich vielleicht auch noch nie Gedanken gemacht. Stellen Sie sich vor, was Sie noch alles lernen könnten! Aus diesem Grund (und Dutzenden mehr) braucht es Austriaguides.  Auch diese sind in der Regel regional und das gewonnene Wissen ist sowieso nachhaltig. Zudem ist ein Spaziergang gesund. Also, um weiter Gemüsevokabular zu verwenden, die Zeit, eine Führung zu buchen, ist so reif wie der Spargel im Marchfeld!

p.s.: Um die Mini-Läden gegen die Billa-Konkurrenz zu schützen, werden folgende Titel kostenfrei zur Verfügung gestellt. Wir halten den Kleinbauern die Sellerie-Stange!

Top 10 Namen für Mini-Läden:

1.      Spargelkuss

2.      Radieschen-von-oben 

3.      Manche mögen Mais 

4.      Ins Gras beißen

5.      Der Senner im Roggen

6.      Coronas Karotten 

7.      Der kleine Pilz

8.      Grüner wird’s nicht

9.      Sellerie-Sale

10.    Krautschädl

 

 

[T.H.]

Die erste Literaturtour – Spazieren mit Lieutenant Gustl


[3.4.] Der Frühling bricht an und aus bekannten Gründen ist derzeit kaum etwas erlaubt, das Spaß macht. Spazieren geht noch, lesen auch. Wer also die beiden Mußetätigkeiten miteinander verknüpfen will, der fasse sich ein Herz und ein Reclam und begebe sich auf die Spuren von Schnitzlers großer Erzählung!

Flanieren geht über studieren

Vor kurzem war da ein seltsamer Artikel auf dem ORF-Nachrichtenportal. Es ging um das Gehen als geisteswissenschaftliche Disziplin. Die Promenadologie, also die Wissenschaft des Promenierens, ist zugegebenermaßen eine Nische, aber doch eine wohlige. Die Spaziergangswissenschaftler [sic(k)!] untersuchen die Vorzüge des Gehens und wie sich dadurch der Raum erschließen lässt. Man sei näher an der Welt, das Gehirn würde durch den Rhythmus des Gehens besser arbeiten, überhaupt gäbe es nur Vorteile für Menschen, die „gehende Wesen“ seien, so einer der zwei führenden – wohl weil einzigen – Promenadologen.

Gehen wir heute also auf einen Spaziergang! Als Bachelor der Vergleichenden Literaturwissenschaften, einem Studium, das der Promenadologie in Sachen Jobchancen um nichts nachsteht, empfehle ich ein literarisches Flanieren durch Wien. Wir begleiten niemand geringeren als Schnitzlers wohl bekannteste Romanfigur: Lieutenant Gustl. Der Termin ist dabei nicht zufällig: Die Handlung ereignet sich in der Nacht vom vierten zum fünften April!

Schnitzlers um 1900 entstandener, nur etwa 40 Seiten langer Text ist heute Schullektüre. Er liest sich schnell, man kann herrlich interpretieren und er ist das Paradebeispiel eines inneren Monologs. Wir Leser folgen Gustls Gedanken quasi in dem Moment, in dem sie gedacht werden, ungefiltert und mit Unterbrechungen, erzählte Zeit und Erzählzeit sind ident, der Ich-Erzähler ist nicht auktorial, und wir finden noch viele weitere so tolle Dinge, die die literaturverliebte Deutschlehrerin in die Köpfe der hormongesteuerten, sowie chronisch gelangweilten Jugendlichen einhämmern will.

Aber Form beiseite, worum geht es hier überhaupt? Gustl sitzt im Musikvereinssaal und fadisiert sich, beobachtet hübsche Mädchen, anstatt sich auf das Oratorium zu konzentrieren und freut sich, dass es nach einer endlos langen Zeit vorbei ist. An der Garderobe passiert jedoch etwas Schreckliches: Er gerät mit dem muskulösen Bäckermeister aneinander, der Gustls Säbel greift und droht, diesen zu zerbrechen. Gustl ist gedemütigt, kann sich aber nicht durch ein Duell von der Schande befreien, da der Bäckermeister Zivilist ist. Gustl wägt alle Möglichkeiten ab und beschließt, anstatt ewig in der Angst zu leben, der Bäckermeister könnte diese peinliche Episode weitererzählen, sich das Leben zu nehmen. Während er vor sich hinbrütet, spaziert er durch die Stadt, den Weg können wir durch seine Beobachtungen recht exakt verfolgen. 

Schnitzlers Werk war damals ein Affront gegen das k.u.k. Militärwesen, bei dem Duelle tatsächlich noch als ehrenhafte Form der Konfliktbewältigung gegolten haben (erst ab 1911 wurden sie weitestgehend verboten). Nicht selten gingen solche Duelle tödlich aus. Auch der Lieutenant selbst kommt nicht allzu gut weg: Er ist recht klar antisemitisch, ängstlich und nicht allzu intelligent. Da Gustl (allein der Name!) stellvertretend für die gesamte Armee steht, ist es nicht verwunderlich, dass hohe Militärs nicht allzu glücklich mit der Veröffentlichung waren.

Heute, in einer Zeit, in der niemand mehr an der Kompetenz des Bundesheeres zweifelt und die humanistische Einstellung jedes einzelnen Rekruten außer Frage steht, ist der Text immer noch aktuell. Es gibt genügend Gründe, den Text heute zu lesen: die wunderbare Erzählform, präzise strukturiert und durch einige Stilmittel durchsetzt, die Frage zum Umgang mit Kränkungen und die seltsame Liebenswürdigkeit des verschrobenen Protagonisten, der in einem absurden Weltbild gefangen ist. Also: Schuhe an, wir treffen uns beim Musikverein. 

Gustls Weg: Teil 1 – Ringsherum zum Ringelspiel

Noch völlig perplex von der eben erlebten Blamage steht Gustl vor dem Wiener Musikverein und beginnt, kontemplierend zu promenieren. Er kommt schnell am Café Hochleitner vorbei, das heute als Café Schwarzenberg bekannt ist. Fortan geht er den Ring gegen der Uhrzeigersinn entlang bis zur Aspernbrücke. Die Ringstraße, der Prachtboulevard der Habsburger war zum Zeitpunkt von Gustls Spaziergang noch eine gigantische Baustelle. Zwar waren schon viele Gebäude fertig gestellt (die heutige Staatsoper etwa 1869), aber gerade Gustls Abschnitt muss noch recht schlimm ausgesehen haben. Otto Wagners Postsparkasse, die Urania und vor allem das Kriegsministerium mit dem riesigen Doppeladler würden alle erst ein paar Jahre später eröffnet werden. Wenn wir heute lustwandeln, dürfen wir uns an diesen prächtigen Gebäuden erfreuen, Gustl hätte sowieso kein Auge dafür gehabt, schließlich beschloss er gerade, sich das Leben zu nehmen.

Die erste Aspernbrücke, über die Gustl läuft, war damals recht prunkvoll, mit Löwenstatuen dekoriert, und außerdem recht nutzlos, da zu schmal für den aufkommenden Autoverkehr. Sie wurde 1913 durch eine breitere ersetzt, 1945 wurde diese dann wiederum von den Nazis zerstört, jetzt ist da die unspektakuläre neue. Aber immerhin: Wir können Gustl trockenen Fußes folgen. 

Sein Weg führt ihn in den Prater, der mitten in der Nacht damals wie heute eine durchaus enterische Atmosphäre verströmt. Hier setzt er sich auf eine Parkbank. Wir tun es ihm gleich, schließlich ist so ein Bankerl im Frühling in der Prater Hauptallee etwas Feines und zählt zu den nicht verbotenen Vergnügungen, solange man möglichst alleine sitzt. Vor lauter Nachdenken fallen Gustl die Augen zu, eine lange Linie im Text markiert seinen Schlaf (in Schnitzlers ebenfalls lesenswertem „Reigen“ passiert an solchen Stellen etwas ganz anderes). Der Prater übrigens hatte sein großes Wahrzeichen schon zu Gustls Zeiten: Das Riesenrad war 1897 eröffnet worden. Die Prater Hauptallee war zu Schnitzlers Zeit der Ort, an dem man sich ein Stelldichein mit einer unverheirateten oder anderweitig verheirateten Dame gab. Dem zuständigen Fiakerfahrer wurde in solchen Fällen freilich ein Trinkgeld für Diskretion gegeben. 

Gustls Weg: Teil 2 – Ab durch die Mitte – mitten in den Achten

Gustl wacht auf, als es schon dämmert. Sein Weg führt ihn am Nordbahnhof entlang, von dem heute kaum noch etwas übrig ist. Der einstmals unheimlich prunkvolle Bahnhof, der vor allem für Besucher aus Böhmen und Mähren wichtig war, war nach dem Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt und später Großteils abgerissen worden. Heute befindet sich in der Nähe zumindest der Praterstern. Inmitten dieses modernen und offen gestanden wenig schönen Platzes ragt eine Säule empor, die auch Lieutenant Gustl nun auffällt: die Tegethoff-Säule. An ihrem Sockel sind sogenannte Hippocampen zu sehen (quasi Seepferdchen, nur auf Amphetamin), oben steht stoisch starrend Admiral Tegethoff, Sieger der Seeschlacht bei Lissa (ja, wir hatten eine Marine und ja, wir haben auch gelegentlich gewonnen). Tegethoffs Blick folgend wankt Gustl zurück in die Innenstadt.

Ab hier ist sein Weg nicht mehr derart eindeutig nachweisbar. Er besucht kurz eine Kirche, wohl den Stephansdom, hört sich das Morgengebet an und fragt sich, ob er noch schnell beichten sollte („Der möcht‘ Augen machen, der Pfaff‘, wenn ich zum Schluss sagen möcht‘: Habe die Ehre, Hochwürden, jetzt geh‘ ich mich umbringen!“). Schließlich passiert er den Burghof, die Residenz der Habsburger, heute das Büro des Bundespräsidenten und Sitz des Sissi-Museums. 

Zuletzt verliert sich seine Spur, anscheinend irgendwo im achten Bezirk. Gustl geht in sein Kaffeehaus, wo er von einem Kellner erfährt, dass der Bäckermeister an einem Schlaganfall verstorben ist. Gustl ist völlig aus dem Häuschen, bedeutet das doch, dass er sich nicht umbringen muss! Der Bäckermeister nimmt diese Erniedrigung mit ins Grab. Gustl beschließt, den Abend mit seiner Geliebten Steffi zu verbringen und am Nachmittag noch zu einem Duell zu gehen, das er schon längere Zeit ausgemacht hat. Er hat also nichts gelernt und ist voller militärischem Tatendrang, der Text endet sympathisch wienerisch mit einer Drohung an seinen Gegner „Dich hau‘ ich zu Krenfleisch!“

Hard facts & product placement

Der Spaziergang eignet sich hervorragend für einen Frühlingstag und kann in zwei Etappen gegangen werden. Teil 1 führt vom Musikverein zum Prater (Distanz: 3,1 km), entlang des Stadtparks und einiger schöner Ringstraßengebäude. Läufer können die Strecke locker in 25 Minuten bewältigen und dann die Prater Allee entlangtraben, oder aber im Gustl-Stil ein Schläfchen auf einer Parkbank machen. 

Teil 2 führt zunächst dieselbe Strecke zurück, allerdings über den Schwedenplatz und durch diverse Fußgängerzonen, über den Stephansplatz – Graben – Kohlmarkt und durch die Hofburg zum Volkstheater. Wir haben uns für einen Umweg zum Spittelberg entschieden, einfach weil er schön ist und die Gebäude sehr wohl schon zu Gustls Zeiten so ausgesehen haben. Auf unserer Route endet der Spaziergang vor dem Theater in der Josefstadt. Da wir nicht genau wissen, wo Gustls Café ist, können wir genauso gut dort aufhören, wo zahlreiche Stücke von Schnitzler aufgeführt wurden (und eines Tages wieder werden!). Die Distanz beträgt 4,8 km und ist aufgrund der abwechslungsreichen Stadtbilder (Park – Donaukanal – touristisches Zentrum – Vorstadt) ideal für einen promenadologischen Marsch. 

Selbstverständlich kann dieses literarische Sportereignis auch mit einem geeigneten Guide gebucht werden. Dann ersparen Sie sich das Reclamheft (2,3€), gewinnen aber viele Geschichten aus Schnitzlers Wien und erleben Lieutenant Gustl quasi live on tour. Optimal für Schulgruppen (Sonderangebot für Deutschlehrerinnen, die in St. Pölten, der Großstadt im Kleinformat, unterrichten) und alle, die gerne Promenadologen werden wollen. 

[T.H.]

 

Lieutenant Gustl Spaziergang Teil 1: Vom Musikverein zur Prater Hauptallee. Unverkennbar sind die selbst eingezeichneten Punkte. 

Lieutenant Gustl Spaziergang Teil 2: Vom Prater durch die Innenstadt über den Spittelberg zum Theater. Virtuos gezeichnete Säule als Orientierungspunkt. 

Valentinstag: Eine Liebesgeschichte im Hause Habsburg

[12.2.] Am 14.2. ist Valentinstag. Fröhliche Verliebte feiern, allerorts wird dem Floralverkehr gefrönt und Alleinstehende sitzen sittsam auf dem Sofa. Was für eine Gelegenheit um aus dem großen Fundus der österreichischen Geschichte eine echte Love-Story hervorzuzaubern.

Habsburgische Hochzeitsplaner

Wer guten Geschichtsunterricht genossen hat erinnert sich an den schönen Spruch: Kriege sollen andere führen, du, glückliches Österreich, heirate. Die Streber aus den Privatschulen können das sogar noch auf Latein: Bella gerant alii, tu, felix Austria, nube! Und wer jetzt noch nicht an der Unterhose auf einem Laternenmast aufgehängt wurde, mag vielleicht noch den wenig bekannten Zusatz anfügen: Nam que Mars aliis, dat tibi diva Venus (Denn was Mars den einen, gibt dir Göttin Venus)! 

Tatsächlich ist die Heiratspolitik der Habsburger legendär. Schon Maximilian I. (gestorben 1519) hatte ein glückliches Händchen beim Heiraten: Seine erste Frau brachte ihm Burgund ein, seine zweite konnte er immerhin verpfänden, wenn ihm wieder einmal das Geld ausgegangen war. Auf Maximilian geht übrigens auch das Goldene Dachl in Innsbruck zurück, was wohl mit ein Grund für das Verpfänden war. Richtig erfolgreich wurde das Haus Habsburg aber erst durch die beiden Doppelhochzeiten, die Maximilians Kinder und Kindeskinder betrafen. Innerhalb von drei Generationen waren die Habsburger plötzlich im Besitz von Spanien und den bisher entdeckten Teilen der Neuen Welt, aber auch Ungarn, den Niederlanden und so weiter. Man könnte also sagen, nachdem Maximilian vor allem in Tirol gelebt hat: Das war das letzte Mal, dass jemand dort tatsächlich alles richtig gemacht hätte. 

Gute Zeiten waren dies, und noch dazu so einfach: Jemanden aus gutem Hause heiraten und hoffen, dass der Erbfall möglichst bald eintritt. Frühneuzeitliche Praktiken, noch heute gebräuchlich. Von wahrer Liebe ist hier noch nicht unbedingt zu sprechen, also springen wir noch einmal zweihundert Jahre weiter. In der Zwischenzeit passiert nichts Aufregendes: Krieg, Pest und jede Menge Inzest. 

Besuchen wir Maria Theresia, die das Verheiraten wie keine andere beherrschte und unter deren Herrschaft obiger Spruch in Mode gekommen sein soll. Die Working Mum hatte neben den Staatsgeschäften auch noch für Erben zu sorgen. Und beides tat sie erfolgreich: Sie gebar 16 Kinder, von denen immerhin 10 das Erwachsenenalter erreichten und die folglich auch verheiratbar waren. Mit den Ehen wurden auch Bündnisse geschlossen und die hatte die Monarchin bitter nötig: Das bösartige Preußen wollte immer mehr habsburgische Länder mopsen! So kam es, dass alle Töchter, die das Erwachsenenalter erreichten und nicht auf irgendeine Weise entstellt waren, an italienische und französische Fürstenhäuser verschickt wurden. Besondere Berühmtheit erlangte Maria Antonia, die ihr Ende 1793 unter der Guillotine fand. 

Nur eine wurde nicht Opfer Maria Theresias Heiratspolitik: Marie Christine. Die als hübsch und begabt beschriebene Erzherzogin kam zufällig am Geburtstag ihrer Mutter, dem 13.5., zur Welt. Ihr Talent für Musik und Kunst machte sie schließlich zur Lieblingstochter. Allen Bündnisplänen zum Trotz wurde es ihr deshalb von der Mama erlaubt, einen Mann aus politisch recht bedeutungslosem Haus zu heiraten: Albert von Sachsen. Was sagte der Papa, Franz Stephan I., dazu? Nichts, er wurde nicht eingeweiht und starb bald an einem Schlaganfall, übrigens in Innsbruck. Bald läuteten also die Hochzeitsglocken. 

Brangelina in Barock

Zum Einstand wurde Albert mit hohen politischen Funktionen ausgestattet und erhielt außerdem das damals sehr wohlhabende Herzogtum Teschen. Das ist nur aus einem Grund wichtig: Einer unter Fremdenführern weit verbreiteten Legende zufolge, bekam die Teebutter deshalb ihren Namen, weil die Molkereien Alberts in Teschen so überaus erfolgreich waren: Teschener-Erzherzögliche Butter, kurz TEE-Butter. Muss nicht stimmen, wird aber gerne erzählt

Jedenfalls, und deshalb passt diese Geschichte so schön für den Valentinstag: Bei den beiden war es quasi Liebe auf den ersten Blick! So beschreibt es zumindest Albert. Trotz aller Schwierigkeiten bekommt der Underdog von Sachsen die Möglichkeit, eine Kaisertochter zu heiraten und sie leben in Schlössern und tanzen auf Bällen und alle sind glücklich. So ungefähr könnte man die Geschichte erzählen und verfilmen. Zu schade, dass Romy Schneider nicht mehr lebt. Wollte man historisch akkurat sein, so müsste man die durchaus erotische Beziehung von Marie Christine mit der Braut des späteren Kaisers Joseph II. näher beleuchten oder die politisch misslungene Herrschaft über die Niederlande. Aber davon wollen wir uns nicht ablenken lassen.

Apropos Niederlande: Albert und Christine waren dort jahrelang Statthalter und galten als große Kunstmäzene. Als sie die Niederlande verlassen mussten, schickten sie drei Schiffe, voll beladen mit Kunst und Kram nach Österreich, zwei davon kamen schließlich an. Diese unermesslichen Kunstschätze bildeten daraufhin den Grundstock für die Galerie, die heute noch nach den beiden benannt ist: die Albertina.:

Tatsächlich…Liebe

Sucht man im Hause Habsburg nach wahrer Liebe unter Eheleuten, so sucht man lange. Maria Theresia liebte ihren Franz Stephan, der liebte allerdings etwa ein Dutzend anderer Frauen auch. Franz Joseph liebte Sisi über alles, das war aber auch die einzige Gemeinsamkeit der beiden. Von den vielen Erzherzoginnen des Hauses Habsburg starben viele im Kindbett, viele an Krankheiten und einige im Kloster. Auch das gehört zum Prunk des Hauses Habsburg. 

Umso mehr darf man sich für Marie Christine freuen, die eine tatsächlich glückliche Ehe mit einem intelligenten und nicht nahe verwandten Mann führen durfte. Sie starb schließlich im verhältnismäßig hohen Alter von 56 Jahren, vermutlich an einer Vergiftung durch schlechtes Wasser. Ihr Gatte war untröstlich und ließ zwei Dinge errichten: die Albertinische Wasserleitung, Vorläufer der Hochquellwasserleitung und ein wunderschönes Grabmal für Marie Christine in der Augustinerkirche. Der Bildhauer des Kenotaphs (=leeres Grab, denn MC ist wie alle anderen in der Kaisergruft bestattet) war niemand anderer als Antonio Canova, seines Zeichens der bedeutendste Bildhauer Italiens zu dieser Zeit. Auf dem Grabmal steht, um den Kreis zu den Lateinlektionen am Anfang zu schließen: Uxori Optimae Albertus – Der besten Gattin, Albert.

Abspann

Wenn Sie jetzt so richtig in romantische Stimmung gekommen sind, dann ist das Ziel dieses Artikels erreicht. Führungen sind nach wie vor leider verboten, die Augustinerkirche können Sie aber tagsüber besuchen und sich das fantastische Grabmal Marie Christines ansehen. Nutzen Sie die Zeit und flanieren Sie ein wenig durch die Gegend. Geheimtipp: Setzen Sie die rosarote Brille auf und unternehmen Sie einen besonders romantischen Spaziergang durch St. Pölten, das Paris des Mostviertels! 

[T.H., 13.2.2021]

 


In fünf Schritten zum Wunschtitel!

Rudolf IV. und das Privilegium maius

 
[11.1.] Die neuerdings arbeitslose Arbeitsministerin Aschbacher hat in den letzten Tagen für Furore gesorgt: Ihre Diplomarbeit (FH Wiener Neustadt) und ihre Doktorarbeit (TU Bratislava) sollen jeweils eine „wissenschaftliche Katastrophe“ sein. Falsch zitiert, mangelhafte Deutschkenntnisse, unwissenschaftliche Arbeitsweise, kurzum: sie habe sich die Titel ganz gaunerhaft angeeignet. Das Erschleichen von Titeln hat in Österreich aber durchwegs Tradition, wie der vielleicht berühmteste derartige Fall beweist. Anhand von Rudolf IV. (1339-1365), bekannt als „der Fälscher“, wollen wir uns in diesem Blogartikel anschauen, wie man in fünf einfachen Schritten an den begehrten Titel kommt.

Schritt Eins: Einen Wunschtitel wählen

Zunächst einmal überlegen wir uns einen Titel, mit dem wir uns bezeichnen wollen. Das kann ein Doktortitel sein, ein Dipl.FH. oder auch ein völlig frei erfundener. Unser Paradebeispiel Rudolf IV. hat sich den schönen Titel „Pfalzerzherzog“ ausgesucht. Hierzu ein wenig Hintergrund: Rudolf IV. war der Schwiegersohn von Kaiser Karl IV., nach dem übrigens die Karlsbrücke in Prag benannt ist. Der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches war verantwortlich für die „Goldene Bulle“, das wohl wichtigste Gesetzbuch des Reichs, in dem unter anderem die Königswahl festgelegt wurde. In der Bulle waren die Habsburger, damals Herzöge des noch kleinen Österreichs, schändlicherweise außen vorgelassen. 
Deshalb entschloss sich der tatendurstige und intelligente Rudolf IV. ein umfangreiches Werk zu erschaffen, das ihn rechtlich zumindest gleichstellen sollte mit den im Reich wahlberechtigten Kurfürsten. Insgesamt sollten darin etwa die Unteilbarkeit des habsburgischen Besitzes, die Heerespflicht und nicht zuletzt auch sein Titel festgelegt sein. 
Rudolf IV. war überhaupt ein äußerst ambitionierter Typ, dem wir heute viel zu verdanken haben. Er gründete die Universität Wien („Alma Mater Rudolphina“, 1365), legte den Grundstein für den Südturm des Stephansdomes, ergatterte in einer hanebüchenen Aktion Tirol für die Habsburger … und das alles bis zu seinem Ableben im Alter von 25 Jahren! 

Schritt Zwei: Ghostwriter suchen, vorzugsweise mit Sprachkenntnissen

Aschbacher schreibt in ihrer Dissertation: „Das Forschungsteam wird stärker, wenn man die klügsten Köpfe zusammensteckt und einen Weg hinaus sucht. […] Kundenwunsch ist nicht umsetzbar bei unter circa 5 %, Kundenwunsch zu 100% und 80% werden umgesetzt, dann ist Abbruch bei circa 10%.“ Diesen nachvollziehbaren Leitgedanken, zumindest den ersten Teil, hatte wohl auch Rudolf IV, der sich einen oder mehrere kluge Ghostwriter zulegte, die sich um das gewünschte Dokument kümmerten. Wer sie waren, ist nicht bewiesen, in jedem Fall handelte es sich aber um ausgewiesene Experten mit kalligraphischer Fertigkeit. Anders als Google Translate wussten sie, wie man glaubwürdig Sätze formulieren und korrekt zitieren konnte. 

Schritt Drei: Fälschen und Bluffen

Es entstanden daraufhin insgesamt fünf Urkunden mit einer Vielzahl an Anhängen. In diesen Urkunden kommen bedeutende Persönlichkeiten wie König Rudolf I., ein Vorgänger von unserem Fälscher, zu Wort, aber auch die alleroberste Adelsklasse wie Kaiser Friedrich Barbarossa und sogar – als Zitat – Julius Caesar und Kaiser Nero, die angeblich schon der römischen Provinz Noricum ausgedehnte Rechte verliehen haben sollen. Rudolf bezieht sich nun auf diese verschiedenen Urkunden. Schließlich setzt er sich selbst und dem ganzen noch die Krone auf, indem er ein Siegel von einer echten Urkunde (dem „Privilegium minus“) einfach an die neuen Urkunden anklebt. Fertig ist das Privilegium maius!

Schritt Vier: Die Hater ignorieren

Die Urkunden wurden nun dem Schwiegervater Karl IV. vorgelegt. Er allein konnte sie bestätigen und damit rechtsgültig machen. Aber hier wurde es schwierig. Die Begutachter des Mittelalters waren denen der FH Wr. Neustadt nämlich um ein Vielfaches überlegen. Kaiser Karl IV. war so anmaßend, auf eine Prüfung der Inhalte zu bestehen und übergab zumindest Teile davon dem bekannten Intellektuellen Petrarca, der als Antikenexperte galt. Petrarca überprüfte nun die Texte und Quellen und fand schnell heraus, dass der Großteil der Urkunden gefälscht war. Ob er den Verfasser tatsächlich als einen „brüllenden Ochsen“ oder – besser noch! – als „Erzschelm“ bezeichnete, wie Historiker kolportieren, sei dahingestellt. 

Die Reaktion des Kaisers, der ja als Schwiegervater auch die familiäre Harmonie aufrechterhalten wollte, fiel günstig aus: Teile der Forderungen wurden angenommen, viele aber als überzogen abgetan. Rudolf ließ sich trotzdem nicht davon abhalten, sich weiterhin als Erzherzog zu betiteln und ließ sich sogar ein Zeichen seiner königsgleichen Würde erschaffen: den Erzherzogshut, eine mit Samt bezogene Krone. Ein solcher Hut aus einer späteren Zeit ist noch heute im Stift Klosterneuburg zu bewundern. Das war dem Schwiegervater dann doch etwas zu bunt und es soll einen ordentlichen Konflikt zwischen den beiden gegeben haben. Es ist zwar nicht überliefert, aber denken wir uns einfach den O-Ton von Rudolfs Antwort auf die Vorwürfe: „Ich habe nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt, jetzt entladen sich die Anfeindungen, die politische Aufgeregtheit und die Untergriffe auf mir und meinen nicht vorhandenen Kindern.“ (frei nach Aschbachers Abtrittsrede)

Schritt Fünf: Hundert Jahre warten

Wie kann es nun gelingen, aus dieser Niederlage doch noch einen Sieg zu machen? Nun, im Falle Rudolfs hieß es einfach: Ableben und Abwarten. Denn nur etwa hundert Jahre später saß Friedrich III. am Kaiserthron und der war – oh Holunder – ein Habsburger! Vieles könnte über diesen faszinierenden Kerl (oder seine beinharte Mutter Cimburgis) geschrieben werden, aber dafür ist vielleicht ein andermal Zeit. Wir begnügen uns mit folgender Feststellung: Durch seinen Konflikt mit Matthias Corvinus kam das wunderbare und unzähmbare St. Pölten über Umwege endlich in den weltlichen Besitz der Habsburger, also Friede, Freude, Friedrich. 

Als Kaiser war Friedrich III. nun die letztgültige Instanz in Sachen Privilegien und Urkunden. Dementsprechend überrascht es nicht, dass er das Privilegium maius 1453 nun in vollem Umfang anerkannte, was den Habsburgern den Titel „Erzherzog“ endgültig bestätigte und die ganze Familie aufwertete. Bis zum Ende der Monarchie waren alle Habsburger per Geburt Erzherzog oder Erzherzogin.

Es ist daher vorschnell, rigoros Titel abzuerkennen, nur weil sie ungerechtfertigt erworben wurden. Vielleicht gibt es auch für zeitgenössische Titelschleicherinnen noch Hoffnung. Jedenfalls haben wir hier gelernt, wie wir in fünf einfachen Schritten unseren Wunschtitel bekommen. Viel Erfolg bei der Anwendung des rudolfinischen Erfolgsmodells zur Erlangung Ihres Wunschtitels wünscht herzlichst, 

Ihr Thomas Hinterhofer,
BA BA BA MA MA, 
Nerzherzog von Österreich
 

Kulturgeschichte des Holunders


[14.11.] Tod und Wunder – durch Holunder!

 In einem früheren Artikel zur Seestadt Aspern (siehe unten) wurde von dem dringenden Bedarf einer umfassenden Untersuchung des Holunders gesprochen. Anlässlich des Leopoldi-Tages scheint der Zeitpunkt gekommen, sich dieser Sache anzunehmen!
Also: Auf auf, Holunderstrauch!

Wissenswertes und Legenden

Eine kurze Recherche ergibt bereits eine reiche Fülle an mehr oder weniger glaubwürdigen Heilsgeschichten rund um den Holunder (sambucus nigra): Da wird eine Verbindung mit Frau Holle angedacht, die mit der Göttin Freya verbandelt sein soll, die wiederum in einem Hollerbaum (oder allen?) leben könnte. Tatsächlich wächst der Strauch oft in der Nähe von Häusern, woher folgender, irgendwie sinnvoller Gedanke, kommt: Stirbt der Baum, kündigt das den Tod eines Menschen an. Vollkommen sinnlos hingegen erscheint der Brauch unverheirateter Mädchen in Nordeuropa, am Thomas-Tag (3. Juli) an einem solchen Baum so lange zu schütteln, bis ein Hund bellt. Aus der Richtung des Bellens würde auch der zukünftige Ehemann dereinst erscheinen. Diese und weitere Legenden finden sich auf diversen esoterisch angehauchten Heilkräuter-Websites vieler Holunder-Hysteriker. Kräuterkundige wissen auch um die heilende Wirkung des Holunders: Gegen Fieber und für das Immunsystem soll er helfen. 

Aber in diesem Artikel interessieren wir uns für die kulturelle Bedeutung des Busches, der auch Strauch und Baum sein kann. Holunder hatte offenbar immer schon eine übernatürliche Bedeutung. Er begegnet uns selbst in bibelschweren Legenden: So soll die Krippe des Jesus-Kindleins aus Holunderholz gefertigt gewesen sein. Eine schöne Klammer bildet eine weitere biblische Sage: Auch das Kreuz soll aus Holunderholz gefertigt worden sein. Und als wäre das nicht Holunder genug, soll sich auch noch Judas, der Verräter, aus Gram über seine Tat an einem Holunderstrauch erhängt haben. So will es jedenfalls eine vielzitierte Legende, die sich offenbar seit Jahrhunderten hält. Der Beweis dafür findet sich bei einem prominenten Pilz, der bevorzugt an Holundersträuchern wächst: das Judas-Ohr! Tatsächlich existiert ein solcher Pilz nicht nur, er ist sogar von der Deutschen Gesellschaft für Mykologie zum Pilz des Jahres 2017 gewählt worden. Hoffentlich steigt ihm der Ruhm nicht zu Kopfe, beziehungsweise zum Fruchtkörper. Haha. 

Bereits hier, im Neuen Testament, zeigt sich, dass die Anzahl der durch Holunderbäume zu Tode Gekommenen höchstwahrscheinlich die Anzahl der durch Holundertee Geretteten übersteigt. Weitere Beweise folgen! 

Gastfreundschaft in Ostarrichi – Koloman

Der Heilige Koloman war der erste Landespatron der noch sehr jungen Mark Ostarrichi, die bald Herzogtum werden sollte. Koloman war aber keiner von hier, sondern einer auf der Durchreise. Entweder war er Wanderprediger oder Königssohn, jedenfalls Ire (oder Schotte). Sein Ziel war Jerusalem, er wollte also einfach in Ruhe vor sich hin pilgern. Im heutigen Niederösterreich, nahe Stockerau im Jahr 1012, fiel er aber aufgrund seiner seltsamen Sprache auf und wurde prompt für einen Spion gehalten. Kurzerhand fand sich ein freier Platz zwischen zwei Schwerverbrechern an einem dürren Holunderast und so knüpfte man den davor reichlich gefolterten Geistlichen auf (Bis heute macht der internationale Fremdenverkehr einen großen Bogen um Stockerau, nur zur Sicherheit). Der eigentlich verdorrte Holunderbaum begann aber wieder zu blühen und so wurde schnell klar: „Ein Heiliger! Am Holunder! Gehängt! … Hoppla!“

Koloman wurde recht bald zu einem Landespatron, seine Reliquien sind teilweise in Melk zu finden, dort sind auch sein Grab und der schmucke Kolomani-Kirtag, teilweise aber auch in St. Stephan in Wien: Der berühmte Kolomani-Stein ist in einem Seitenraum links vom Eingang zu finden, pietätvoller Weise im Souvenirladen des Doms.

Agnes baut den Schleier an

Nicht lange danach, etwa einhundert Jahre später, lebte der bedeutendste Babenberger unserer Geschichte: Der Heilige Leopold, Leopold III. genannt. Er war der große Gründervater im sich formierenden Österreich: das bildschöne Heiligenkreuz, Klein-Mariazell und vor allem Klosterneuburg gibt es nur Dank ihm (und seinem hochgebildeten Sohn Otto). In seiner Freizeit zeugte er um die 17 (!) Kinder mit seiner an Kindern aus erster Ehe ohnehin reichen Frau Agnes. Noch heute, und damit ist die Erklärung für das Erscheinen des Artikels gegeben, wird am 15. November dem Heiligen Leopold gedacht. Für Kinder in Niederösterreich und Wien ist es ein Feiertag, Leopold ist schließlich der Landespatron. Rund um seinen Todestag wird in normalen Jahren der große Leopoldi-Kirtag in Klosterneuburg gefeiert, bei dem das Fasslrutschen einer der wichtigsten Bräuche ist (Wer mehr über Leopold erfahren möchte, dem sei der sympathische Artikel von meinem Kollegen Manfred Hartl ans Herz gelegt).

Seine Frau Agnes liebte schöne Stoffe. Die Legende will, dass sie eines Tages mit ihrem Gemahl bei schönstem Wetter über die Gründung eines neuen Klosters plauderte, als plötzlich ein göttlicher Windstoß ihren Schleier fortfegte. Sieben Jahre lang war er unauffindbar bis Leopold, vom Bellen der Jagdhunde alarmiert (schon wieder bellende Hunde…), den Schleier unversehrt an einem Holunderstrauch entdeckte. An dieser Stelle sollte also, nach göttlicher Vorsehung, das neue Kloster Klosterneuburg gegründet werden. Dictum, factum. Leo lässt den gesamten Wald niederholzen und an der Stelle, an der der Strauch mit dem Schleier gefunden wart, wurde mit dem Bau des Klosters begonnen. Schon seltsam, dass beide Landespatrone mit dem Holler in Verbindung stehen. Wohin mag das führen? Schönerweise offenbart unser Umgang mit dieser Legende auch unseren Willen, an das Magische zu glauben: Ein Stück des Holunderstrauches, ebenso wie der Schleier, werden noch heute in Klosterneuburg als wertvolle Reliquien verehrt. Fantastisch. 

Lassen Sie mich also, zu Ehren seines Namenstages, den Heiligen Leopold noch einmal kurz und prägnant erklären: Leopold war Herrscher der Länder, Gründer der Klöster, Erzeuger der Kinder, Rutscher der Fässer und Finder des Schleiers. 

Die weiteren Aussichten

Lange war es ruhig um den Holunder und seine magischen Wirkkräfte, die, wie wir gesehen haben, an göttlichen Wundern und anti-heiligen Verbrechen maßgeblich beteiligt waren. Die Jahrhunderte nach den Babenbergern erzählen uns nicht viel über den Holunder in Österreich, es scheint, er wollte in Vergessenheit geraten. Allzu gerne denke ich an meine Oma, mit der ich als kleines Kind zusammen Hollersaft hergestellt habe, ungeahnt der kulturellen Bedeutung dieser hochriskanten Tat. 

Nun aber hat sich der Holunder zurückgemeldet. Ein irrwitzig teurer Esoteriker hat einen Holler in der Seestadt Aspern entdeckt, der den Bau eines interreligiösen Zentrums verhindert hatte. Es ist zu früh, um abzuschätzen, was passieren wird, jetzt, wo der Holunder verschwunden ist, aber die Baumaschinen stehen immer noch still. Es bleibt, das Beste zu hoffen. 

Sambucus nigra, übrigens auch ein geeigneter Name für den Bösewicht einer Fantasy-Reihe, der gemeine Schwarzholunder, wird auch in Zukunft in unser aller Leben präsent sein. Wie viele Heilige noch an ihm aufgehängt werden, wie viele Schleier er noch aufbewahren wird, das alles hängt von uns ab und dem Zusammenleben mit der Natur. Deshalb der Appell an alle, die jetzt gerade nicht an einer äußerst informativen Führung teilnehmen können: Bis Führungen wieder erlaubt sind, passt auf euch und den Holunder auf. Egal, ob ihr bei einem Spaziergang durch das malerisch verwunschene St. Pölten oder beim Joggen im Wienerwald auf einen Holunderstrauch trefft, behandelt ihn mit Respekt. In 1000 Jahren vollbringt er vielleicht ein Wunder. 

[T.H., 14.11.]

 

 

 

 

Quelle: Wikimedia Commons. Autor: Ragnar1904, Link)

Rest in pieces – die Kaisergruft

[27.10.] Dieses Halloween wird ein ganz besonderes: Erstmals werden alle Leute bestraft, die in den Öffis keine Maske tragen! Der Feierlaune sind also keine Grenzen gesetzt. Und noch morbider kann die Stimmung ja eigentlich gar nicht sein. Wer die Zeit also themengerecht verbringen und mit Kultur und Geschichte verbinden möchte, dem sei ein Besuch der Kaisergruft aufs Wärmste empfohlen. Dort unten liegen 12 Kaiser und 17 Kaiserinnen bestattet und noch jede Menge Adelige mehr. Spaß für die ganze Familie und Einrichtungsideen für die eigene Gruft inklusive!

Eine schöne Leich‘

Die Kaisergruft bei den Kapuzinern ist in mehrfacher Hinsicht einzigartig: Vier Jahrhunderte europäischer Geschichte liegen hier Seite an Seite, vom 30-Jährigen Krieg bis zum Ende der Monarchie und weit darüber hinaus (es gibt noch freie Plätze!). Auch der kunstgeschichtlich geneigte Betrachter wird sich hier freuen: Besonders die barocken Prunksärge überwältigen mit Pomp und Gloria. Je nach Epoche unterscheiden sich die Särge enorm. Besonders deutlich wird dies bei der Maria-Theresiengruft. Die hochbarocke Staatsmutter hatte Zeit ihres Lebens Sorge um ihren Tod und kümmerte sich höchstpersönlich um die Gestaltung ihrer Grablege. Der Raum ist hell und kuppelförmig, ähnlich dem Pantheon in Rom, der Doppelsarkophag (zusammen mit dem geliebten Gatten Franz Stephan) übertrifft alle anderen bei weitem: 3 Meter lang und 2 Meter breit, thronend auf Adneter Marmor und von Balthasar Moll ausgearbeitet erzählt er die gesamte Glorie des hier ruhenden Paares. Aber ruhend sind sie nicht ganz, sitzen sie doch als Statuen aufrecht und schauen sich tief in die Augen, bis in alle Ewigkeit. Die Legende will es, dass Maria Theresia, schon betagt, immer mit einem Lastenaufzug zur Gruft hinabgestiegen ist, um ihren Sarkophag zu bewundern und justament bei ihrem letzten Besuch selbiger Aufzug stecken geblieben ist. Die Gruft wollte sie also nicht mehr gehen lassen. Ob es stimmt ist nicht wichtig, eine schön schaurige Geschichte ist es allemal. Übrigens liegt auch Joseph II dort im starken Kontrast zur Mama, in einem einfachen, schmucklosen Sarg, ganz der Pragmatiker, der er war. Obwohl: Man muss sich schon freuen, dass er überhaupt in einem Sarg liegt, hat der Sparfuchs doch den wiederverwendbaren josephinischen Sparsarg (mit einer Klappe unten…) erfunden, der ihn nicht unbedingt beliebter beim Volk machte. 

Einen Raum weiter findet man Kaiser Franz II/I (Warum II/I? Buchen Sie eine Führung bei mir und ich verrate es Ihnen!), über den es viele amüsante Geschichten zu berichten gäbe. Um seinen Sarg herum liegen jedenfalls vier weitere, kleinere Särge, gefüllt mit seinen Gemahlinnen. Ja, vier Mal war er verheiratet und nur zwei davon waren seine Cousinen! Allzu viel Zeit ist zwischen den Ehen nicht vergangen. Als Napoleons Nemesis hatte er alle Hände voll zu tun (weswegen seine geliebten Wellensittiche auch immer auf des Kaiser’s Haupt ruhten, die Hände waren ja voll) und nebenbei musste er auch noch die Dynastie in die nächste Generation voranzeugen. Seine Gemahlinnen starben aber meist recht rasch, weshalb er bei der vierten gesagt haben soll, er möchte diesmal eine, die „was aushält“ und nicht „schon wieder eine schöne Leich.‘“ 

Wer begehrt Einlass?

Insgesamt liegen hier 138 Leichen, fast alle davon Habsburger. Über jeden und jede könnten Geschichten erzählt werden, schaurig schön und schön tragisch. Besonders ins Auge fallen aber die, die nicht da sind, so etwa Franz Ferdinand, der 1914 in Sarajevo ermordet wurde. Seine Ehe war morganatisch (Was soll das denn heißen? Achso, „nicht standesgemäß“ natürlich, danke, wieder was gelernt!) und so musste er sich eine eigene Gruft bauen, in der er mit seiner Sophie ruhen konnte. Auch der letzte Kaiser Karl fehlt hier, die bösen Portugiesen wollen ihn nicht mehr hergeben, nachdem er auf Madeira verehrt wird. Mittlerweile ist er sogar seliggesprochen, die Chancen, dass er nochmal von der Insel wegkommt, schwinden dahin. Doch auch hier könnte man eine habsburgische Lösung finden und ein salomonisches Urteil sprechen: Gebt uns doch wenigstens ein bisschen was zurück! Sharing is caring! 

Auch wenn ich Ihnen einen Besuch der Kaisergruft ans Herz legen möchte, so liegen die Herzen doch wo anders: in der Augustinerkirche. Habsburger, wie auch andere europäische Königshäuser, hatten die Angewohnheit, ihre Körper nach ihrem Ableben zu zerstreuen, sodass jeder etwas davon hatte: Die Herzen liegen in der „Herzerlgruft“ in der Augustinerkirche, die leider nur selten zugänglich ist (etwa beim Ostermarkt). Die Intestina, also die übrigen Eingeweide, sind Großteils im Stephansdom in der Herzogsgruft bestattet. Es wäre allerdings verfälscht zu sagen, die Kaisergruft sei „herzlos“, stehen hier doch ein paar wenige Herzurnen herum – nur halt ohne den Rest, der dann wiederum über ganz Europa verteilt ist, wie etwa im Falle der Königin Maria Anna von Portugal.

Wo wir schon beim Bestatten sind: Gestatten Sie mir noch ein paar Worte zu den Beisetzungen. Wiederum eine Legende will, dass die Habsburger folgendermaßen in die Gruft überführt wurden: Ein Leichenzug hält vor der Kirche, es wird geklopft und einer der Kapuziner fragt durch die Tür: „Wer begehrt Einlass?“ Und es folgt die Antwort mit sämtlichen Titeln des Verstorbenen (was sich bei Habsburgern, die unter anderem Könige von Jerusalem waren, ganz schön lange hinziehen kann) woraufhin der Mönch antwortet: „Den kennen wir nicht.“ Das Spiel wiederholt sich und beim dritten Mal Einlassbegehren wird geantwortet: „Ein sterblicher und sündiger Mensch.“ Erst dann wird das Portal zur Gruft geöffnet. Verbürgt ist dieses Ritual tatsächlich erst ab dem 20. Jahrhundert. 

Sissi bis ins Grab verfolgen

Bei manchen der Sarkophage fällt auf, wie zumindest die Erinnerung an die jeweiligen Insassen am Leben gehalten wird. Beim Kaiser von Mexiko etwa, Maximilian (1832-1867), liegen immer frische Kränze in den mexikanischen Nationalfarben. Das kommt reichlich spät, waren es doch die Mexikaner selbst, die sich des Kaisers auf die unschönste Methode entledigt haben (immerhin wurde ihm kurz vor seiner Hinrichtung noch sein Lieblingslied „La Paloma“ vorgepfiffen). 

Natürlich ist die bekannteste aller habsburgischen Royals ebenfalls hier: Bei Kaiserin Elisabeth, Sissi genannt, brennen immer Kerzen. Hier sind es die ungarischen Farben (ironischerweise dieselben Farben wie bei Mexiko…Zufall? Freimaurer? Bill Gates? Wir wissen es nicht.), die an ihrem Grab hängen. Sissi war und bleibt äußerst beliebt in Ungarn. Wer also ein absoluter Fan ist, sollte sie hier besuchen. Neben ihr liegt seltsamerweise nicht Romy Schneider, das wäre touristentechnisch dann doch zu viel des schlechten Geschmacks, sondern ihr Gemahl, Kaiser Franz Joseph. Auch der gemeinsame Sohn Rudolph, der sich in Mayerling das Leben nahm, ist hier bestattet.

Gerade zu Halloween und Allerheiligen kann in der Kaisergruft eine besinnliche memento-mori Stimmung aufkommen, anders als auf dem sub- und supterrestrisch überfüllten Zentralfriedhof. Auch wer die Grabesstille sucht (und aus Sicherheitsgründen die St. Pöltner Innenstadt an einem Sonntagnachmittag meiden möchte) wird hier fündig. Wer mehr über tragische Liebesgeschichten, mysteriöse Todesfälle und aus der Mode gekommene Bestattungsriten hören möchte, nimmt sich am besten einen Fremdenführer und spaziert durch die Kaisergruft. 

[T.H., 27.10.]

Pest und Corona - Seuchen und Säulen

[27.9.] Gerade in Ostösterreich sind sie häufig anzutreffen – Pest- und Mariensäulen. In Zeiten wie diesen lohnt sich ein Blick auf die Seuchentraumabewältigung früherer Generationen und das Superheldenteam der Pestheiligen. 

Jede größere Stadt in Niederösterreich, die etwas auf sich hält, besitzt mindestens eine Pestsäule, die meistens prominent den Hauptplatz wie eine Sonnenuhr ziert. Im Sommer sitzen eisschleckende Schaulustige in ihrem Schatten, im Winter wird sie Wächterin von Weihnachtsmärkten und das ganze Jahr sitzen tratschende Tauben tagsüber touristisch träumend auf der turmhohen Spitze (und turteln triebgesteuert theoretische Taubentraumprinzen an). Und doch so wenige Passanten, menschlich oder tierisch, nehmen sich einen Moment Zeit, um die Pestsäule zu umrunden und sich das meist wohlgeformte Kunstwerk im Detail anzuschauen. Nur Touristengruppen, angeführt von einem ortskundigen Guide, bleiben davor stehen und werden mit Schirm und Stab auf die Schönheiten und hoffnungsfrohen Botschaften hingewiesen, die eine jede Pestsäule in sich birgt. Dabei lohnt es sich immer und dieses Jahr besonders, sind doch alle Pestsäulen auf ihre Weise Symbole der Hoffnung für ein Leben nach der Pandemie. 

Kaiser Leopold riskiert eine dicke Lippe

Die heute bestehenden Pestsäulen entstammen in der Regel der Zeit des Barock, als die Habsburger emsig damit beschäftigt waren, die lästigen Osmanen fernzuhalten und gleichzeitig all ihre Untertanen wieder zum für sie gerade rechten Glauben, dem Katholizismus, zurückzuführen. (Da die Habsburger zumeist auch Kaiser des Heiligen Römischen Reiches waren, dessen Legitimität vom Papst bekräftigt wurde, sollten eben auch alle wieder den Papst als Oberhaupt ansehen, deshalb war jedes Mittel recht, die Schafe wieder unter der Knute des Papa Pontifex zu vereinen.) Gewalt, wie etwa die spanische Inquisition, war zum Glück schon aus der Mode gekommen, viel effektiver erwiesen sich hingegen Marketing und Fake News. Die Kirchen wurden größer, goldener, protziger, der Besucher wurde beim Eintritt in die Kirche überwältigt, hatte er doch in seinem Alltag überhaupt keinen Zugang zu Kunst und Geschmeide und hier wurde er damit überflutet. Besuchen Sie einmal die Jesuitenkirche im Ersten Bezirk und es wird Ihnen auch heute noch so gehen!

Was nun die Fake News angeht: Geschickt konnten Kaiser Krankheiten ausnutzen, um sie den bösen Protestanten in die Schuhe zu schieben. Eindrucksvoll wird dies an der schönsten und ersten aller Pestsäulen gezeigt, der Pestsäule am Graben in Wien, bei der sich Kaiser Leopold höchstselbst darstellen ließ. Er kniet, nach oben blickend, bittend, während unter ihm die schaurig-schöne Horrorgestalt der Pestilenz vom rechten Glauben (durch das Kreuz erkenntlich gemacht) in den Abgrund gestoßen wird. Schöne Bilder, die selbst dem Analphabeten vermitteln:„Glaube an Kaiser, Gott und Vaterland und jede Seuche wird besiegt.“ Leopold scheute auch nicht davor, sich mit dem Habsburger Markenzeichen darstellen zu lassen, dem gewaltigen Unterbiss mitsamt angeschwollenen Lippen (Progenie genannt), das durch genetisch fragwürdige Familienkonstellationen über Jahrhunderte weitergegeben wurde. Seine Ehefrau, die gleichzeitig seine Cousine und seine Nichte war, soll hingegen sehr hübsch gewesen sein.

Jedenfalls, um wieder zu den Säulen zu kommen: Im Barock gab es neben Osmanen und grassierendem Protestantismus eben auch noch das Problem mit der Pest, die sich in mehreren Schüben über ganz Europa hermachte und gegen die es kein bewährtes Mittel gab (man bedenke, dass das Volk mit dem Anblick eines Babyelefanten noch nicht sonderlich vertraut war und somit die Abstandsregeln nicht befolgen konnte). Am Schlimmsten soll das Pestjahr 1679 gewesen sein. Viele Adelige, reiche Bürger und auch Klostergemeinden gelobten damals, sollte die Pest sie verschonen, ein Denkmal des Dankes zu errichten, eben eine Pestsäule oder – im Falle einer starken Marienverehrung, selbes Prinzip – eine Mariensäule. 

Säulen und Superhelden

Eine Pestsäule ist so gut wie immer streng hierarchisch aufgebaut. Oben, auf der Spitze, findet man die Heilige Dreifaltigkeit, bei Mariensäulen eben Maria, meist umgeben von fluffigen Wölkchen. Der lange Schaft der Säule ist meist eine Andeutung des Himmelreiches, wiederum dargestellt durch Wölkchen, gerne auch mit nackten, dicken Kindern mit Flügeln (die Kunstgeschichte spricht von putti), und am Sockel wird es wieder interessant: Als Vermittler zwischen Himmel (oben) und Erde (unten) finden sich häufig die Pestheiligen, oft mit etwas Lokalkolorit durchsetzt. So ist etwa Leopold III öfter anzutreffen, auch wenn Seuchenbekämpfung nicht in sein Aufgabengebiet fällt (Klöster gründen und Kinder kriegen, das war sein Metier). 

Aber schauen wir uns einmal die klassischen Pestheiligen an. Sie sind gewissermaßen die Avengers, die Justice League der Krankheitsheilung. Wie bei den Comic-Superhelden gibt es einige, die es zwar gibt, die aber nicht sonderlich populär sind, jedenfalls nicht in Ostösterreich (dafür im heutigen Tschechien, wo ebenfalls sehr viele solcher Säulen existieren). Und dann gibt es die drei, die wirklich jeder kennen sollte:

·         Sebastian: zur Zeit der Römer bekannte er sich öffentlich zum Christentum, woraufhin er von Bogenschützen standrechtlich erschossen wurde. Er überlebte aber wie durch ein Wunder und bekannte sich daraufhin abermals öffentlich zum Christentum. Diesmal wurde er mit Keulen erschlagen und das sollte er dann doch nicht überleben. Die Pfeile jedenfalls sind bei jeder guten Sebastiansdarstellung deutlich zu sehen. Der barocke Bürger dachte, die Pest werde von strafenden Engeln als Pestpfeile abgeschossen (also Anti-Armors). Aus diesem Grunde ist Sebastian, der die Pfeile des Bösen ja überlebte, die logische Wahl für einen Pestheiligen. 

 

·         Rochus: half bei der Pflege von Pestkranken, bis er eines Tages selbst erkrankte. Er zog sich daraufhin in eine einsame Hütte zurück, um niemanden anzustecken (quasi Quarantäne). Jeden Tag aber kam ein Hündchen und brachte ihm Brot, so lange, bis er genesen war. Von der Krankheit blieben ihm diverse Pestbeulen, eine davon am Bein, weshalb er als Statue gerne ein nacktes Bein zur Schau stellt. Das Hündchen ist auch öfter dabei. 

 

·         Karl Borromäus: auch er setzte sich für die Pflege Pestkranker ein und starb, möglicherweise daran, recht jung. Ihm ist die Karlskirche in Wien geweiht. Aus historischer Sicht war er übrigens durchaus unsympathisch: Als Gesandter des Papstes war er bei Protestantenverfolgungen in der heutigen Schweiz wenig zimperlich: durch Folter wurden sie zum Katholizismus gezwungen; wer standhaft blieb, wurde verbrannt. Also den vielleicht besser nicht anbeten.

 

Wir merken uns: einer dieser drei ist immer dabei. 

 

Aufruf zum kollektiven Säulenbau

Wir haben uns jetzt mit den wesentlichen Charakteristika einer Pestsäule beschäftigt, kennen die drei wichtigsten Pestheiligen und wissen etwas mehr über die Barockzeit im Allgemeinen. Das ist per se nicht schlecht, aber lassen wir diesen Artikel mit einem Aufruf zur Handlung schließen: Bauen wir solche Säulen!
Die Geschichte zeigt, dass diejenigen, die geloben, solche Säulen zu stiften, am Ende tatsächlich überleben. Natürlich könnte das auch daran liegen, dass besagte Stifter zur High-Society gezählt haben und dementsprechend auch bessere Chancen hatten, der Pest zu entkommen. Der gute Leopold („Türkenpoldi“ genannt) hat sich 1679 aufs Land zurückgezogen und bei einem Fässchen Wein auf bessere Zeiten gewartet (dieselbe Taktik, die er auch bei der Türkenbelagerung 1683 anwenden sollte, was ihn aber nicht daran hindern sollte, als glorreicher Triumphator in die Stadt zurückzukehren). Und doch, es kann gewiss nicht schaden, wenn wir uns vornehmen, am Ende der aktuellen Pandemie eine kleine Säule zu bauen. Diese muss nicht einmal der Dreifaltigkeit gewidmet sein. Sie können Ihre ganz eigene Säule auch Buddha, Wotan oder Elvis widmen, frei nach dem Motto: Nutzt’s nix, schodt’s nix. 

Überhaupt sollten wir für alle möglichen Dinge Säulen bauen. Nehmen wir als Beispiel die Pestsäule von St. Pölten, der barocken Prachtstadt, die derzeit ausnahmsweise nicht von Touristen überlaufen ist (also schnell hin! Mit mir!). Die Säule wurde von Andreas Gruber im Auftrag der gesamten Bürgerschaft errichtet und sollte nicht nur als Dank für die Verschonung vor der Pest gelten, nein, die Säule ist ebenso multifunktional wie das VAZ im Süden der Stadt. Seuche, Krieg, Erdbeben, Stadtbrände (und derer gab es viele), all das haben die St. Pöltner überstanden und dafür danken sie der Dreifaltigkeit und einigen Heiligen mehr. 

Wir sehen: eine Pest- oder Mariensäule kann für alles Mögliche eingesetzt werden, also lohnt es sich wahrhaftig, über die Errichtung einer Coronasäule nachzudenken. Stellen Sie sich vor: Am Fuße der fürbittende Kanzler auf den Knien, Statuen von Ministern und Epidemiologen rundherum, dann die Säule, die statt den Wolken aus vier Ampellichtern besteht und ganz oben…ein Babyelefant. (Wahlweise durch Symbole des bevorzugten Glaubens ersetzen.) 

Unten finden Sie schon einmal Vorschläge (einer von mir, einer von der virtuosen B.B.) wie die Coronasäule aussehen könnte. Jetzt sind Sie dran! Werden Sie kreativ und belästigen Sie Ihr Gemeindeamt mit tollen Skizzen für Coronasäulen! Viel Spaß!

[T.H., 27.9.]

Vorschlag einer Coronasäule: Man achte auf die kunstvolle Ausfertigung und die Details: der Träger, Atlas gleich, balanciert die Bürde der Ampel, anonymisiert durch einen Mundschutz über den Augen. Die Ohrensymbolik am Sockel erklärt sich wohl von selbst. 

Kunstgeschichten aus dem Wienerwald – Das Kloster Heiligenkreuz

 

[26.8.] Das Stift Heiligenkreuz im Wienerwald ist von allen Sehenswürdigkeiten Niederösterreichs wahrscheinlich diejenige, die ich am liebsten führe (dicht gefolgt vom makellos malerischen St. Pölten). Das hat verschiedene Gründe und ehrlich gesagt ist die allgegenwärtig fühlbare religiöse Durchdrungenheit nicht der vorrangige. Dieser Ort kann selbst für Atheisten als Paradies bezeichnet werden, findet sich hier doch die absolute Ruhe und Entschleunigung, die andernorts längst verschwunden zu sein scheint. Keine Uhr tickt, nur die Glocke glockt hin und wieder, zu allen heiligen Zeiten, möchte man meinen. Hinter der barocken Pforte ist alles ein Eck langsamer als draußen, was mit ein Grund für die wirklich unglaubliche Langlebigkeit von Heiligenkreuz sein mag. Denn das Zisterienserkloster befindet sich seit 1133 an diesem entlegenen Ort, ohne Unterbrechung. 

Jesus, Maria und Bernhard 

Die Zisterzienser sind im Prinzip eine strenge Variante der Benediktiner, was bedeutet, dass sie nach der Regel des Benedikt leben („Ora et labora“ – „Bete und arbeite“ ist die goldene Regel). Bernhard von Clairvaux wiederum war zwar nicht deren Gründervater, aber ein bedeutender Vertreter des Ordens, der ihn in ganz Europa bekannt gemacht hat. Bernhard ist natürlich auch ein Heiliger, wie sollte es anders sein, und in Heiligenkreuz überall anzutreffen. Er war einer der größten Gelehrten des Mittelalters und gleichzeitig glühender Befürworter der Kreuzzüge (was weniger für die Gelehrten des Mittelalters im Allgemeinen spricht). Neben ihm trifft man vor Ort auch auf Leopold III., seines Zeichens Babenbergerfürst, Gründer von Heiligenkreuz, Klein-Mariazell und dem zu Unrecht populäreren Klosterneuburg, ebenfalls heilig und zigfacher Kindesvater, kurzum: ein fleißiger Mann. 

Der Name des Klosters kommt von einem Stück des Heiligen Kreuzes aus Jerusalem, das einmal als Souvenir nach Österreich kam und die wichtigste Reliquie des Klosters darstellt. Ist es wirklich ein Stück des echten Kreuzes? Wir wissen es nicht, aber ein Mönch sagte mir einst, es geht darum, etwas zu besitzen, an das man glauben kann. Wie alle anderen Zisterzienserklöster ist dieses hier aber nicht dem Kreuz, Bernhard oder Leopold geweiht, sondern Mariä Himmelfahrt. Die Gemeinsamkeiten beschränken sich aber nicht auf das Patrozinium, tatsächlich sind alle Zisterzienserklöster miteinander verwandt, denn jedes Kloster ist eine „Filiale“, also eine Tochtergründung eines Mutterklosters. So wurde Heiligenkreuz vom Kloster Morimond gegründet und gründete wiederum selbst mehrere Klöster, darunter Stift Zwettl oder Lilienfeld. Im Prinzip handelt es sich also um ein mittelalterliches Franchise-System, das bis heute funktioniert. 

Monochrome Mönche mit Musik 

Knapp einhundert Mönche leben in Heiligenkreuz, darunter einige recht junge Leute, die sich diesem Leben aus den verschiedensten Gründen verschrieben haben. Man muss es aber auch wirklich wollen, schließlich findet das erste Gebet um 5:15 Uhr morgens statt und das täglich. Die in schwarz-weiß gekleideten Mönche führen ein streng geregeltes Leben, das etwa zu gleichen Teilen aus Beten und Arbeiten besteht. Ihre Betriebsamkeit abseits des Gottesdienstes hat sie auch vor dem großen Klosterausverkauf von Joseph II. bewahrt, der bekanntlich nur „nützliche“, das heißt wirtschaftlich denkende Orden, bestehen ließ. Noch heute gehört zu Heiligenkreuz das Weingut Thallern nebst großen Ländereien im Wienerwald und darüber hinaus.  Zu beachtlichem Ruhm sind die Mönche gelangt, als ihr Gebet auf CD gebrannt und von den Briten vermarktet wurde: „Chant, Music for Paradise“ war damals weltweit eines der meistverkauften Alben. Noch heute kann diesem Gebet jeden Tag live gelauscht werden. Eine lukrative Welttournee lehnten die Mönche damals übrigens ab, schließlich haben sie sich auf Lebenszeit an ihr Kloster gebunden. 

Ein Streifzug durch die Kunstgeschichte 

Kommen wir zurück zu den Gründen, warum ich Heiligenkreuz so gerne führe. Zunächst einmal ist das Kloster kein Museum, sondern lebendig, die meisten Räume, die man besichtigen kann, werden von dem Orden seit Jahrhunderten durchgehend genutzt. Dazu kommt der Zustand des Klosters, der in Österreich seinesgleichen sucht: ein perfekt erhaltener Kreuzgang aus dem Mittelalter mit reich geschmückten Säulenkapitellchen, dazu das längste romanische Langhaus Österreichs mit einem hochgotischen und höchstbeeindruckenden Chorabschluss. Sie merken: Ein Kunsthistoriker kommt hier zwangsweise ins Schwärmen. Romanik, Gotik, Renaissance, Barock, ja sogar Rokoko findet sich in Heiligenkreuz, aber nicht im Widerspruch (wie man es etwa vom Stephansdom meinen könnte), sondern harmonisch zusammengebracht. Wer hier einen Rundgang macht, der erlebt etwa 700 Jahre österreichischer Kunstgeschichte. 

Übrigens: Aufgrund der Pandemie, die sich nebenbei bemerkt nirgends besser aussitzen lässt als in einem isolierten Kloster, gibt es in Heiligenkreuz derzeit keine Führungen durch die Mönche, sondern lediglich Audioguides. Nur mit einem Fremdenführer können Sie also durch das Kloster geführt werden und da es bei Klöstern doch immer noch um den Glauben geht: Glauben Sie mir, ich führe Sie gerne und mit Begeisterung! 


Der nächste und vorläufig letzte offene Termin (Durchführung ab vier Personen) findet am Samstag, 12.9. um 9:30 Uhr statt. Um Anmeldung wird gebeten. 
(T.H., 26.8.)


Missing Sis(s)i – Souvenir wider Willen

[1.8.] In diesem Blogeintrag geht es um Kaiserin Elisabeth von Österreich und warum wir sie ertragen müssen. 

Prolog

Inmitten des undurchdringbaren Ischler Waldes richtet der imperiale Meisterjäger sein Gewehr auf den nicht minder majestätischen Hirsch, bereit, die eines Kaisers würdige Trophäe zu erbeuten, doch da erbarmt sich seine so schöne wie unschuldige Begleiterin des prächtigen Tieres und … „Hatschi.“ Das Tier flüchtet, der Kaiser dreht sich künstlich empört zu ihr um und raunzt sie kurz an, wird aber gleich wieder milde. Die noch unbekannte Schöne frohlockt und läuft jodelnd aus dem Bild, Gott beschütze, Gotte erhalte, Romy Schneider.

Hoffentlich allen ist diese Szene aus den berühmten Sissi-Filmen bekannt, ist die Trilogie doch längst nationales Kulturerbe und alljährlich um die Weihnachtszeit, auch in anderen Ländern, im Fernsehen zu sehen. Romy Schneider gewinnt mit ihrer Art das Herz des Kaisers und das aller Zuschauer, nichtahnend dass sie damit der echten Elisabeth von Österreich einen Bärendienst erweist: Sie wird zum Aushängeschild der Habsburger und ist gratis Werbeträgerin für sämtliche habsburgischen Attraktionen Europas. 

S wie Sisi

Die echte Elisabeth von Bayern (1837-1898), Sis[s]i genannt, entspricht der romy-romantischen Darstellung so wenig, dass der Großteil ihrer Persönlichkeit hinter einem Berg aus kitschigen Biskuitporzellanstatuetten versteckt wird. Wie viele "s" nun in "Sis[s]i" stecken, bleibt übrigens jedem selbst überlassen (die Filmtrilogie verwendet Sissi, die Hofburg schreibt nur Sisi). 

Interessierten bekannt ist ihr Körperkult, der sowohl extreme Unterernährung (bei 173 cm Größe eine Taille von ca. 46 cm) als auch intensive Haarpflege (mindestens zwei Stunden täglich) umfasste. Dass sie nachts mit gepresstem Rindfleisch auf dem Gesicht schlief, um ihr Gesicht jung zu halten, gehört noch zu den Fun Facts, war damals aber übrigens gar nicht ungewöhnlich. Das alles lässt man als leicht exzentrische Anwandlung durchgehen. Dass Franz Joseph ihr Cousin ersten Grades war (die Mütter waren Schwestern), kann man noch verkraften, war es doch Liebe auf den ersten Blick und bei den Habsburgern Tradition, alles, auch den Genpool, in der engsten Familie zu halten (man erinnere sich an Infantin Margarita Teresa und ihren Gatten Leopold, der zugleich ihr Onkel und Cousin war). 

In der Sissi-Trilogie wird auch nicht gezeigt, wie Elisabeth dem Kaiser geschickt die Burgschauspielerin Katharina Schratt vorstellt, damit dieser sich mit ihr beschäftige und Sissi fortan in Ruhe ließe (das Verhältnis ging etwa dreißig Jahre und war von inniger gegenseitiger Freundschaft geprägt). Zuletzt werden auch die kaiserlichen Tobsuchtsanfälle, die Elisabeth häufig befallen haben sollen, ausgeblendet. Aber wir wollen nicht kleinlich sein. 

Gut dargestellt ist hingegen ihre Liebe zu den Ungarn. Sie sprach (neben sechs anderen Fremdsprachen) fließend ungarisch und zog es auch bald in ihren Briefen dem Deutschen vor. Auch ihre einzige politische Einflussnahme soll mit dem „Ausgleich“ zu tun haben, der rechtlichen Gleichstellung der Ungarn mit den Österreichern im Vielvölkerstaat. Angeblich soll sie zu ihrem Gatten gesagt haben: „Solange der Ausgleich nicht unterschrieben ist, kommst du nicht mehr in mein Schlafzimmer.“ Ob es stimmt oder nicht, sei dahingestellt, ich erzähle es jedenfalls gerne und unterm Strich ist das Ergebnis das Gleiche: Der Ausgleich fand statt, was auf den ersten Blick toll ist (die Ungarn lieben "Erszebet" heute noch heiß), aber eigentlich extrem kurzsichtig, denn neben Österreichern und Ungarn gab es noch Tschechen, Polen, Kroaten und viele mehr, die hier ignoriert wurden. 

Die Trilogie endet irgendwo halbwegs in ihrem Leben. Regisseur Ernst Marischka plante einen vierten Film, der aber nie zustande kam. Angeblich hatte Romy Schneider selbst keine Lust mehr, nochmal Sissi zu sein. Niemand wird es ihr verübeln, auch Charlton Heston hatte bald kein Interesse mehr an „Planet der Affen“, war doch nach dem ersten Teil schon alles Wesentliche gesagt. 

Der Tod von Elisabeth war entscheidend für ihren Nachruhm. Nicht umsonst wird sie heute von Enthusissiasten auch als „Lady Di des 19. Jahrhunderts“ bezeichnet. Ein italienischer Anarchist war am Genfer See, sein eigentliches Ziel tauchte nicht auf, stattdessen war da die Kaiserin von Österreich, die ihm als Ersatz genügte. Er stach mit einer Feile auf sie ein, sie verblutete innerlich, ohne es zunächst zu merken, dann war es zu spät. Als Franz Joseph die Nachricht erhielt, zusammen mit dem Kissen, auf dem sie zuletzt gebettet war, soll er gesagt haben: „Sie ahnen ja nicht, wie sehr ich diese Frau geliebt habe.“ Staatstrauer, Schweigeminute und Medienwirbel, Verschwörungstheorien und Denkmalflut. Der Kaiser stirbt achtzehn Jahre später, Sissi ist unsterblich geworden. 

Where Sisi would shop

Soviel zu ihrem Leben. Wer mehr über sie wissen möchte, dem sei die 600-seitige Biographie, verfasst von Brigitte Haman ans Herz gelegt, die so viel mehr beinhaltet als jemals jemanden interessieren wird, was durchaus positiv gemeint ist. Widmen wir uns aber noch ein paar Zeilen dem Sissi-Kult, der auch heute noch nicht abebben will. Der in diesem Text enge Zusammenhang von der Filmtrilogie und der echten Sisi liegt darin begründet, dass die Trennung auch in der Tourismuswerbung alles andere als klar ist. Auf einem Plakat in Schönbrunn etwa sieht man Romy und Sisi gleich groß nebeneinander und ins Hofmobiliendepot werden Kunden damit gelockt, die Möbel aus den Sissi-Filmen bestaunen zu können (wobei die jeweiligen Szenen unter anderem auf Chinesisch in Dauerschleife abgespielt werden, ein hochkafkaeskes Erlebnis). Sissi sells.

Der geneigte Österreich-Besucher wird Sisi nicht entkommen. Im Schloss Schönbrunn ist sie natürlich prominent, auch die Wagenburg hat sich einen „Sissi-Pfad“ zusammen gestottert und irgendein perfides Genie hat die Schauräume der Kaiserappartements um ein Sisi-Museum bereichert. Somit wird die Hofburg zur Hochburg der Sisi-Süchtigen. In mehreren teils düster gehaltenen Räumen wird vom Tod bis zum Leben der Kaiserin (in der Reihenfolge), unterbrochen von Romy-Plakaten, von der missverstandenen Persönlichkeit berichtet, wobei das Museum auf dem schmalen Grat zwischen Wahrheit und Kundenzufriedenheit balanciert. Die einzelnen Stationen ihres Lebens sind dabei mit zahlreichen Gedichten der Kaiserin untermalt, denn Elisabeth war begeistert von Heinrich Heine und hat versucht, in seinem Stil zu dichten. Hier ein Beispiel:

Was einst mich schmerzte, wurde mir nun teuer,
Zum Paradies ward die Verlassenheit;
Entfalten kann mein Geist die Schwingen freier,
Fremd sind ihm alle Erdenseelen heut‘!...

 

(Aus: Hamann, Brigitte:  Elisabeth: S. 430. Man achte auf die ungelenken Reime von teuer-freier und Verlassenheit – Erdenseelen heut‘)

Die Gedichte sind qualitativ also auf dem Niveau eines zwölfjährigen Poetry-Slammers, inhaltlich sind sie insofern interessant, als Elisabeth recht eindeutig von ihrer Gefühlslage und ihrer Meinung zu der Welt schreibt. 

Verlässt man die Hofburg Richtung Heldenplatz ist bald das große Werbeschild zu sehen: „Where Sisi would shop“ steht da. Doch im Souvenirgeschäft der Hofburg herrscht gähnende Leere, denn die wahren Sisi-Fans sind derzeit nicht im Lande, denn Elisabeth, wie Mozart, ist besonders in ostasiatischen Ländern beliebt, die Ortsansässigen scheinen Sisi eher aus dem Weg zu gehen (war die Errichtung des Shops also eine Sisiphos-Arbeit?). 

Tatsächlich ist der Mythos um Sisi außerhalb Österreichs ein gewaltiger Werbeträger, die Romy-Schneider Filme im Besonderen. Diese legendenumrankte Persönlichkeit, die biographisch ihrem heutigen Image nicht ansatzweise nachkommen kann, ist zu einem Identifikationssymbol für Österreich geworden, sie wird mit dem Land assoziiert wie kaum eine andere Figur und doch ist sie den meisten Österreichern herzlich egal (oder waren Sie schon im Sisi Museum?). Dieses Paradox bezeichne ich als den „Sound-of-Music“ – Effekt.

Es würde uns aber nicht schaden, den Sommer daheim dergestalt zu nutzen, sich mit dem auseinanderzusetzen, was andere zu einer Reise nach Österreich motiviert. Ein Anfang ist damit getan, Hallstatt zu überrennen (siehe letzter Blogeintrag), aber nutzen wir doch außerdem die Zeit, um unsere eigenen Klischees zu überdenken oder auszuleben: Besuchen Sie das Sisi-Museum (ich führe Sie gerne und – versprochen – unverblümt), bestellen Sie ein „Sechzehnerblech mit einer Eitrigen“, stehen Sie Schlange für eine Sachertorte im Hotel Sacher, borgen Sie sich ein zünftiges Dirndl aus und laufen Sie freudestrahlend und jodelnd über einen Gebirgspass. 
Wenn Sie das alles gemacht haben, können Sie die Fremdbilder hinterfragen und sich endlich abseits von touristischen Klischees mit Österreich auseinandersetzen. Und nirgends ist man so abseits vom Tourismus wie in St. Pölten. Herzlich willkommen! 

 

(TH, 1.8.)

 

Hallo, Hallstatt! 

 

[14.7.] In diesem Blogeintrag geht es um das wohl bekannteste Dorf Österreichs und wie es von der „Touristenhölle“ zum Paradies für den Urlaub daheim wurde. Nachdem schon viele Medien dieses Thema aufgegriffen haben, ist dieser Eintrag über Hallstatt im Salzkammergut mit einer Prise (!) Medienwissenschaft verfeinert. 

 

Damals… 

Vor langer Zeit, als alles noch gut war (also letztes Jahr) wetteiferten diverse Medien um die schönsten Umschreibungen für das, was in dem kleinen Alpendorf von(hall)statten ging. Dazu drei verlinkte Beispiele: 

·         Overtourism: Grüße aus der Touristenhölle 

·         Massenzustrom von Touristen wird zur Plage  

·         Zehntausende Busse spülen jedes Jahr flutartig die Touristen in das 780-Seelen-Dorf

 „Spülen“ und „flutartig“ evozieren natürlich die Vorstellung von Überflutungen, wie sie in Hallstatt übrigens nicht selten sind. „Spülen“ ist außerdem amüsant, da ein anderer Artikel erwähnt, Hallstatt verdiene alleine mit den Toilettengebühren 150.000 Euro im Jahr (hier beliebigen Witz über „stilles Örtchen“ einfügen). Die übrigen Schlagzeilen wecken in uns das Bild einer Katastrophe biblischen Ausmaßes. Wie die Heuschrecken kommen sie daher, ergänzen wir gedanklich. Andere verwenden gerne Begriffe wie „überrennen“, „bedrohen“ oder „erobern“, was mit kriegerischen Ereignissen assoziiert wird. Sogenannte Metaphernanalysen helfen übrigens, die Muster hinter solchen Texten zu verstehen, denn Worte schaffen Wirklichkeit. 

Dass in den Artikeln immer eine ganz bestimmte Gruppe von Reisenden gemeint ist, wird nirgends verschwiegen. Überraschend deutlich bezieht der ORF Stellung, wenn er eine Doku mit dem Namen „Hallstatt Süß-Sauer“ präsentiert (Vergeblich wartet man auf vergleichbare Spin-Offs wie „Lignano mit an Buggl“ oder „Kroatien vom Schwein“). Aber das waren ja andere Zeiten. Für die Sommersaison 2020 hatte man ein neues Konzept erarbeitet, mit dem die Busgruppen gewissermaßen gezwungen werden sollten, längere Zeit in Hallstatt zu verbringen, damit sie dort auch mehr konsumieren, somit mehr Geld im (Ab)Ort lassen. Gleichzeitig sollten dann auch durch hohe Busparkgebühren die ganz großen Massen ferngehalten werden. Ein Konzept also, um den Massentourismus in Hallstatt zu minimieren. Und siehe da, bei einem Besuch in Hallstatt letzte Woche war tatsächlich keine einzige Busgruppe vor Ort. Aber niemand will hier zynisch werden und Salz in die Wunden streuen (Salz, Sie verstehen schon, weil Salzbergwerk und so, haha). 

 

…und heute 

Natürlich ist das Konzept nicht getestet worden. Die viel beschriebenen Asiatenmassen kommen dieses Jahr aufgrund der Pandemie nicht, die Chinesen müssen sich wohl mit dem Hallstatt begnügen, das sie sich im eigenen Land detailgetreu nachgebaut haben. Als Erinnerung an sie bleiben nur die vielen weißen Tafeln, die den Besucher auf Mandarin freundlich auffordern, sich bitte zu benehmen. Nun müsste der Ort aufatmen können, dies gestaltet sich jedoch schwierig, verkaufen doch Unternehmer schon die echte Hallstatt-Luft an chinesische Interessenten übers Internet

Tatsächlich ist das Dorf auch diesen Sommer gut besucht, doch sind es nicht mehr die fernöstlichen Selfie-Stick-Schwinger, die da versuchen, beide Kirchtürme und den See und die Berge und vorrangig sich selbst in Szene zu setzen. Jetzt sind es die Österreicher. Die letzten Jahre haben sie einen Bogen darum gemacht, die einen sind nach Ibiza geflogen, die andern nach Udine (oder machten Party in Kabine…) und überließen Hallstatt der „Plage“. Nun wird Hallstatt plötzlich wiederentdeckt. Heuer lautet das Motto: Halle statt Malle. 

Tu felix Austria!

Der an sich friedfertige homo austriacus touristicus hat einen Teil seines Territoriums wiedererlangt, hat Hallstatt den Massen entrissen und es wieder in Besitz genommen (die militärischen Ausdrücke irritieren Sie? Die „Kronen Zeitung“, wie immer ein Garant für Qualität, spricht im Juni von der „Rückeroberung“). 

Frei von jeder Ironie lässt sich sagen: Hallstatt ist schön. Nicht nur von dem einen obligatorischen Aussichtspunkt aus, sondern in seiner Gesamtheit. Liebliche Häuschen, geschmückt mit duftenden Blumen, prächtige Schwäne, die sanft auf glitzerndem Wasser dahingleiten, freundliche Menschen, die pinke Jägerhüte verkaufen…es ist eine fast schon absurde Idylle, die einen in Hallstatt erwartet. Und eigentlich ist es so schrecklich österreichisch, als hätten die beiden Regisseure von Sound of Music und Sisi – die junge Kaiserin zusammen einen Themenpark errichtet. Im Übrigen ist auch das durchaus positiv gemeint, ein bisschen Heimatfilmflair darf schon sein. 

Neben der Schönheit gibt es auch einige Sehenswürdigkeiten, darunter das Salzbergwerk und natürlich das berühmte Beinhaus: An die 600 verzierte Schädel liegen darin fein gestapelt nebeneinander und tragen meist die Namen der Verstorbenen an der hoh(l)en Stirn. Streng wird darauf geachtet, dass die Familien beieinander sind, man will ja Zucht und Ordnung halten. Weiters gibt es ein kleines Museum über Archäologie und irgendwo plätschert der im Salzkammergut nahezu obligatorische Wasserfall nach unten. Von hier aus beginnen teils anspruchsvolle Wanderwege, wer anspruchslos ist, kann sich in einen Plastikschwan setzen und übers Wasser treten. Kurzum, es gibt genug zu tun in diesem bildschönen Ort, der letztes Jahr noch die (Touristen)Hölle war. 

Zuletzt ein praktischer Tipp: Mit dem PKW ankommen ist teuer und Parkplatzsuche ist besonders am Wochenende frustrierend, viel besser ist es, zum Beispiel in Bad Goisern gratis zu parken und dann mit dem Regionalzug eine Viertelstunde nach Hallstatt zu fahren. Das hat mehrere Vorteile: keine Parkplatzsuche, keine Gebühren und man kann mit dem Schiff fahren. Der Bahnhof liegt nämlich am gegenüberliegenden Seeufer, das Schiff wartet meist schon dort und bringt einen kostengünstig mit famosen Aussichten übers Wasser direkt ins Zentrum des Ortes (Danke an die fantastische Fremdenführerin Brigitte Leitner für den Tipp). 

Nun ist Hallstatt der Sehnsuchtsort für Österreicher. Es fühlt sich ein bisschen an wie nach Südtirol oder Slowenien zu reisen. Der gemeine homo austriacus hat so ein ganz klein wenig das Gefühl, an einem Ort zu sein, der eigentlich zu ihm gehört und ihm entrissen wurde. Jetzt lernt er wieder, wie schön es in diesem kleinen Land eigentlich sein kann. So lange hat er sich darüber mokiert und nun überflutet er freudenstrahlend die sozialen Medien mit Fotos von eben jenem Ort, über den er sich noch im Jahr davor lustig gemacht hat. Es gibt also auch noch Hoffnung für St. Pölten. 

 

 (TH, 15.7.)


Napoleon und der Wunderholunder 


[26.6.] Im zweiten Blogeintrag geht es um einen Ausflug in die Seestadt Aspern und dessen Umgebung.

 

In „Der Herr der Ringe“ schwärmt der Hobbit Bilbo Beutlin seinem Neffen Frodo von den Wundern der Seestadt vor, die er so gerne noch einmal gesehen hätte. Ob er damit die Seestadt Aspern gemeint hat, oder ob diese gar nach dem Schauplatz in Mittelerde benannt wurde, ist eher fraglich. Aber auch ohne Beutlinsche Tripadvisor-Empfehlung ist ein Ausflug nach Aspern eine hervorragende Idee für den Sommer in Österreich. Ein Lokalaugenschein.

 

Aus dem Nichts

Die Seestadt Aspern, so liest man, ist eines der größten Bauprojekte Europas. Voraussichtlich bis 2028 entsteht hier ein vollkommen neuer Stadtteil, der etwa die Fläche der Inneren Stadt einnimmt, aus dem Nichts. Das Nichts ist in diesem Fall die weite Ebene des Marchfelds, die man auf dem Hinweg bereits erahnen kann. 20.000 Einwohner soll die Seestadt dereinst haben und fast ebenso viele Arbeitsplätze bieten. Arztpraxen, Schulen und Dutzende andere Einrichtungen sollen den Ort zu einer voll funktionsfähigen Stadt am Rande der Metropole Wien machen.  

Die Bauarbeiten schreiten voran, der südliche Stadtteil ist bereits bewohnt und erhält gerade noch den letzten Feinschliff. Der Rest ist momentan noch wenig mehr als der Traum aller Stadtplaner und Architekten, die hier mit entsprechendem Budget eine moderne Musterstadt aus dem ehemaligen Flugplatzareal stampfen können. Das Ziel ist klar formuliert: eine bis ins kleinste Detail geplante Siedlung, die nach sämtlichen Maßstäben eine Vorbildfunktion einnehmen wird. Der bereits fertige Teil erhielt im Oktober den Staatspreis für „Architektur und Nachhaltigkeit“. Der Kurs stimmt also. 

Wer sich in diesen Wochen über die überall auftauchenden Baustellen, die aufgerissenen Straßen und den Lärm der Baumaschinen wundert, der tut gut daran, einen Ausflug nach Aspern zu unternehmen, um eine neue Perspektive auf das Thema Baustelle zu gewinnen. Aber auch für die, die sich für moderne Architektur und Stadtplanung interessieren, sowie alle, die meinen, Wien zu kennen, ist dieser Ausflug ein wahres Abenteuer. Das Besondere ist, dass hier nicht mit einer immer gleich aussehenden perfekten Fassade aufgewartet wird (da sind Sie in Schönbrunn besser aufgehoben), sondern dass hier beobachtet werden kann, wie Neues entsteht, vom Reißbrett bis zum Hochhaus. 

Ho-Ho-Holunder

Zugegeben, die Anreise ist lang, aber nicht beschwerlich. Je nachdem, wo die Reise beginnt, sind es etwa 45 Minuten (zum Vergleich: Nach St. Pölten, der Perle an der Traisen, fährt der Railjet in nur 25 Minuten). Vom Karlsplatz fährt man einmal die komplette U2 bis zum Ende, wobei nur jede zweite Garnitur auch die letzte Etappe bis nach Seestadt Aspern wagt. Unterwegs genießt man den Panoramablick entlang der Donauarme, der DC Tower grüßt in der Ferne und schließlich sind schon die ersten Äcker des Marchfelds im Blick. Die Siedlung vor der Seestadt hat übrigens den ungemein kreativen Namen „Hausfeld“, da es hier neben den Häusern auch Felder gibt. Man fragt sich, ob dasselbe Genie auch die Seestadt benennen durfte...

Schon bei der Ankunft sehen wir den malerischen See, der blau-türkis schimmert, dem Wörthersee nicht unähnlich. Ein starker Wind treibt den See zum Wellenspiel an und dem gemeinen Betrachter Sand in die Augen. Lässt man den Blick in einer windstillen Sekunde von der U-Bahn-Station gesehen von links nach rechts schweifen, so wird man Zeuge des Wunders Seestadt: links eine bereits voll ausgebaute Häuserfront in verschiedenen Farben und Formen, die abrupt in eine wüstenartige Baulandschaft übergeht, in der nichts steht, außer Zäune und Kräne, Bagger und Walzen, und schließlich noch einmal ein kleines Türmchen neben einem klar parzellierten Bauplatz, der mit verschiedenen Flaggen beansprucht wird. All das umrahmt den zentral angelegten See (künstlich), der bereits von Enten (echt) beansprucht wird. Der See wird dereinst das Herzstück sein. Im Sommer lädt er zum Baden ein, der schon angepflanzte Schilf sorgt für Neusiedler See-Flair (Müssen die Neusiedler jetzt umsiedeln? Oder wird der Neusiedler zum Altsiedler-See? Die geopolitischen Konsequenzen sind noch nicht absehbar). Es wird fleißig an einem Rundweg um den See gebaut, im Moment muss man aber noch die U-Bahn-Station zur trockenen Überwindung nutzen. 

Verbleiben wir noch einen Moment bei dem leeren Ufer. Die vorhin erwähnten Flaggen markieren den „Campus der Religionen“, der hier entstehen soll, ein Zentrum für interreligiösen Dialog. An eben jener Stelle befand sich bis vor kurzem noch ein Holunderbusch, der schon längst zum berühmtesten Anwohner der Seestadt und gewissermaßen zu dessen erstem Märtyrer avanciert ist. Denn ein von der Wirtschaftsagentur beauftragter Geomant attestierte diesem Busch besondere energetische Eigenschaften. Diese Eigenschaften lassen sich etwa daran messen, dass der Geomant (übrigens ein Lehrender an der BoKu) ein Honorar von 19.000 Euro verlangen konnte. Besagter Busch wurde allerdings ohne große Inszenierung entfernt, die Baustelle kommt seither nicht mehr voran (Wahrlich!). Warum der Busch trotz energetischem Attest zerstört oder verpflanzt wurde, lässt sich nicht sagen, liegt aber meiner Meinung nach an einem fast exakt 1000 Jahre zurückliegenden Holunderbuschtrauma, schließlich wurde der erste Landespatron Österreichs, der Heilige Koloman, nahe Stockerau an einem kahlen Holunder aufgehängt, (der daraufhin wieder zu blühen begonnen haben soll). Eine Kulturgeschichte des Holunderbuschs wurde bislang nicht verfasst, scheint aber dringend nötig. 

Genug des Hollers, wenden wir uns nun dem gegenüberliegenden Ufer zu und erstarren wir in Ehrfurcht vor dem zweitgrößten Holzhochhaus der Welt. Das 84m hohe Gebäude ist außen bereits fertig gestellt, innen wird noch gearbeitet. Nur in den unteren Geschossen ist das Holz auch wirklich sichtbar, darüber verbirgt es sich hinter einer gemusterten Fassade. Genannt wird es Hoho, bei genauerer Betrachtung die richtige Menge an „Hos“ (Hohoho würde zu sehr an den Schlachtruf des Weihnachtsmannes erinnern, ein Ho klingt wie ein Slangwort für eine Dame mit fragwürdigem Lebensstil). 

Hinter dem Hoho, erstreckt sich nun der erste Teil der Stadt, der mit vielen öffentlichen Plätzen voller Trinkwasserbrunnen und Begrünungen zum Flanieren einlädt. Abseits vom See ist es ruhig, Kinder spielen auf den Straßen, denn Autos fahren hier kaum. Ein selbstfahrender Bus als Pilotprojekt soll hier unterwegs sein, aber er fährt ohne uns. Der gelungene Stadtplan ist übrigens dänischen Köpfen entsprungen, den Profis moderner Städteplanung, was vor allem an den futuristischen Spielplätzen erkennbar ist. Bemerkenswert ist auch die Benennung der Plätze, die, Holunder-sei-dank, von jemand anderem als dem Seestadt-Benenner vorgenommen wurde (sonst ständen wir nun wohl am Gebäudeplatz, dem Straßenplatz und dem - aufgrund der Grünzone in der Mitte – Parkplatz). Straßen und Plätze sind hier auffällig oft nach Frauen benannt, um deren Sichtbarkeit im öffentlichen Raum zu erhöhen. Das momentane Zentrum ist der Hannah-Arendt-Park, der auch Hauptgrund für die Verleihung des Architekturpreises war. 

Gut gebrüllt, Löwe!

 Nach der Besichtigung der Seestadt bietet sich ein kleiner Abstecher zu einer historischen Sehenswürdigkeit an. Vor etwas über zweihundert Jahren fand unweit der Seestadt die Schlacht von Aspern statt, die Österreich ausnahmsweise gewann. Erzherzog Karl, der am Heldenplatz gegenüber von Prinz Eugen bewundert werden kann, siegte hier nach einer zweitägigen blutigen Schlacht gegen Napoleons Truppen. Es war dies einer der ersten Landsiege gegen den Franzosen überhaupt (der erste war in Loiben in der Wachau, aber dazu ein andermal vielleicht mehr). Das Dorf Aspern, das im Zentrum des Geschehens lag, war zerstört, kein Wunder, es wurde angeblich sieben Mal erobert und rückerobert. An der Stelle des Dorfplatzes, vor der kleinen Kirche, befindet sich das dazugehörige Denkmal: der Löwe von Aspern. Es zeigt, anders als am Heldenplatz, nicht den triumphierenden Heros, sondern verdeutlicht die Opfer, die die Fußsoldaten bringen mussten. Der Löwe liegt, von einer Lanze durchbohrt, leidend auf seinem Sockel. Es handelt sich hierbei um eines der beeindruckendsten Denkmäler der Stadt, zeigt es den Löwen doch ungemein naturalistisch und gleichzeitig ausdrucksstark. Der Architekt, niemand geringerer als Anton Fernkorn (dessen Leben einen eigenen Blogeintrag verdient), studierte im Zoo von Schönbrunn die Löwen, bevor er mit der Skulptur begann. Die Details sind frappierend. Es gibt übrigens auch ein Museum zu dieser Schlacht, gleich hinter der Kirche.

 

Obligatorische Produktplatzierung

Ein Ausflug nach Aspern kann aufregend sein, Transdanubien ist etwas ganz anderes als das geordnete Zentrum. Es empfiehlt sich bei dieser Safari (Wie sonst soll man die Pirschfahrt mit Löwenbesichtigung nennen?) einen erfahrenen Guide mitzunehmen, der einem die Wunder von Seestadt und die Geschichte der napoleonischen Kriege gleichermaßen nahebringen kann, der einen überdies sicher hin und wieder zurück bringen kann („There an back again“ – der Titel von Bilbo Beutlins Abenteuergeschichte, der Kreis schließt sich). Machen Sie also mit mir eine Reise nach Aspern, am besten jährlich, und erleben Sie die Geburt einer neuen Stadt!

 

 

Von Guides und Gästen

[9.6.2020] Der erste Blogeintrag auf dieser Seite beschäftigt sich mit etwas ganz Grundlegendem: dem Sinn und Zweck eines Fremdenführers. 

 

Sommer in Österreich

Uridyllische Landschaften, absurd gutaussehende Paare an einem menschenleeren See, Bergspitzen, die man sich nur mit einem majestätischen Steinbock teilt… Dieser Tage wird man mit österreichischer Tourismuswerbung überflutet.

Jede Region bietet Entspannung und Action, Natur und Kultur, Kinderfreundlichkeit und Weinverkostung (Widersprüche erzeugen Spannung). Unabhängig davon, ob die Gäste aus den Nachbarländern doch noch ihre Ferien in Österreich verbringen, wird heuer mehr als sonst um Urlauber im eigenen Land geworben. Der „Sommer daheim“ steht an – und er kann großartig werden!

Schon von mehreren Seiten habe ich den Satz gehört: Wenn ich schon nicht wegkann, dann bin ich froh, dass ich hier bin. Da ist was dran. Insgesamt haben wir zehn Welterbestätten und sechs Nationalparks, ganz abgesehen von einer unüberblickbaren Zahl denkmalgeschützter Gebäude und malerischer Aussichtspunkte. Von Kulinarik oder Veranstaltungen wage ich gar nicht anzufangen. In wenigen Worten: Es ist alles da um eine schöne Zeit zu verbringen.

Reisen leiten und Fremde führen

Wie kommen nun also die Fremdenführer und Reiseleiter ins Spiel?

Ganz einfach: Vorhin habe ich die zehn Welterbestätten erwähnt. Können Sie alle aufzählen? Wenn nicht, haben Sie schon einen ersten guten Grund, einen Fremdenführer zu kontaktieren und zehn Touren bei ihm zu buchen (wenn Sie das wirklich tun, buchen Sie bei mir und bekommen Sie die zehnte Tour umsonst. Und ein T-Shirt.) Ich verspreche Ihnen, ein Fremdenführer kann das auch dann noch, wenn Sie ihn mitten in der Nacht aus dem Schlaf reißen. 

Fremdenführer, auch Austriaguides genannt, sind staatlich geprüft. In so gut wie allen Fällen durchlaufen sie einen mehrjährigen Kurs, der ihnen Wissen aus verschiedensten Disziplinen vermittelt, angefangen bei Geschichte bis hin zu Weinkunde und Musikwissenschaften. Der Kurs ist, das darf man sagen, schweineteuer und sauanstrengend und die Prüfung mitunter derart drakonisch, dass etwa die Hälfte der Prüflinge ein zweites Mal antritt. Aber im Nachhinein betrachtet ist das sinnvoll: Jeder Austriaguide ist mit umfangreichem Wissen ausgestattet und Sie können sicher sein, dass jeder, der sich Kurs und Prüfung erfolgreich angetan hat, jemand ist, der diesen Beruf auch wirklich liebt. Und das merkt man. 

Mit dem Gewerbe des Fremdenführers gehen einige rechtlich relevante Dinge einher: Nur Fremdenführer dürfen in Städten zu Fuß führen, also etwa eine Stadtführung durch Wien anbieten. Auch viele Museen, Schlösser und Klöster arbeiten mit Fremdenführern zusammen, sodass sie auch dort (neben hauseigenen Führern) führen dürfen. 

Neben den Fremdenführern gibt es noch Reiseleiter: Diese dürfen im Bus Erklärungen abgeben (also bei einer Rundfahrt entlang des Wiener Rings zum Beispiel), aber sobald sie den Bus verlassen, müssen sie sich auf Hinweise beschränken. Reiseleiter haben ein freies Gewerbe, also keine Prüfung. Auch eine Ausbildung ist nicht erforderlich (aber empfehlenswert). Ihre Aufgaben sind andere als die des Fremdenführers, sie betreuen die Gäste oft für mehrere Tage, von früh bis spät, schlichten Konflikte, informieren auf längeren Fahrten, sind Entertainer und Psychologen (und mitunter Kindergärtner für Erwachsene). Da die beiden Gewerbe eng verwandt sind, sind viele Fremdenführer auch Reiseleiter. Reiseleiter können im Ausland Gruppen betreuen, etwa auf Rundreisen. Ihre Arbeit ist enorm wichtig und verlangt neben Ortskenntnis auch viel zwischenmenschliches Feingefühl. 

Die strenge Trennung von Fremdenführer und Reiseleiter ist in Skandinavien, Großbritannien, aber auch in Deutschland beispielsweise nicht gegeben, was dazu führt, dass jeder, der sich dazu berufen fühlt, überall führen kann. Es gibt fantastische Guides in diesen Ländern, es gibt aber auch furchtbare. Ich erinnere mich etwa, als ich als Reiseleiter eine Gruppe nach Görlitz begleitet habe, wo uns ein nuschelnder Stadtführer ausschließlich von den barocken Reizen der weiblichen Einwohner erzählen wollte, oder an eine pensionierte Lehrerin in Budapest, die zu jedem dritten Haus meinte, dass es sehr schön und alt sei, weiter reichte ihr Wissen (und die Sprachkenntnis) aber nicht. 

Sie merken schon, ich bin zutiefst von der österreichischen Lösung überzeugt. Austriaguides, und darauf können Sie sich verlassen, vermitteln Ihnen mit Freude und Elan das, was Sie interessiert und auf eine Weise, die über das Aufzählen von Jahreszahlen weit hinausgeht.


Unser Image ist durchaus verbesserungswürdig: Wir werden gerne als alte Damen präsentiert, die mit oberlehrerhaftem Getue Fakten rattern, oder aber als schirmschwingende Schäfer asiatischer Selfie-Stick-Scharen (oh, wie schön ist die deutsche Sprache!). Ganz schlimm finde ich auch den überall lesbaren Slogan, wir bieten „Geschichten und G’schichtln“ an. Das stellt uns in die Ecke der „Gschichtldrucker“ gepaart mit trockenen Historikern. Das alles sind wir nicht (oder sollten wir nicht sein). Aber das ist nur meine persönliche Meinung. Buchen Sie einen Austriaguide und machen Sie sich selbst ein Bild. 

Auch in unserem Beruf gibt es Pfuscher, also ungeprüfte Möchtegern-Guides, die für eine Mahlzeit und Trinkgeld Führungen anbieten und das mitunter sogar gefördert durch die jeweilige Stadt. Damit erweisen sich die Städte aber in der Regel einen Bärendienst: Der Eindruck, den Besucher bekommen, die eine Stadt zum ersten Mal im Rahmen einer Führung sehen, wird ganz stark geprägt von dem Auftreten des Guides. Daraus folgt: schlechter Guide = schlechtes Image für die Stadt. Nicht unberechtigt bezeichnen sich Fremdenführer deshalb gerne als Botschafter des Landes.  

Was bringt Ihnen ein Fremdenführer?

Nun aber zu Ihnen, liebe fiktive ideale Leser: Nehmen wir an, Sie sind aus Österreich oder haben das Land schon öfter besucht, sie gehen auch gerne ins Museum, spazieren durch die Stadt und kennen sich ganz gut mit Geschichte aus. Klimt sagt Ihnen etwas, Mahler ordnen Sie zurecht der Musikgeschichte zu und dass 2020 das Beethoven-Jahr ist, wissen Sie auch. Sie kannten sogar alle zehn Welterbestätten. Wozu sollten Sie also einen Fremdenführer brauchen?

Dazu ein kleines Beispiel: Neulich durfte ich eine kleine Gruppe durch die Innenstadt Wiens führen, abseits von Hofburg und Stephansdom. Zwei der Gäste kamen aus Wien und kannten die Stadt ausgezeichnet. Aber nie sind sie in diese eine wunderschöne Kirche mit der unscheinbaren Fassade gegangen, die Innen das herrlichste Barockensemble der Stadt bietet, mit einer irrwitzigen Scheinarchitektur an der Decke und grün gewundenen Stuckmarmorsäulen. Hundert Meter weiter zeigte ich ihnen eine freigelegte Darstellung eines Tieres mit frappierend witzigen Details aus dem 16. Jahrhundert, an der sie schon Dutzende Male vorbei gegangen waren, die sie aber nie gesehen hatten. Frei nach dem Motto: Man sieht nur, was man weiß, wird man bei einer Führung auf die Details aufmerksam gemacht, die einem sonst entgehen würden. Wenn Sie die Kirche übrigens anhand der Erzählung erkannt haben, gratuliere ich Ihnen. Wenn nicht, buchen Sie noch heute eine Tour mit mir und ich zeige sie Ihnen gerne! 

Was ich Ihnen mit diesen paar Worten sagen möchte: Sie müssen kein Kunstexperte sein und schon gar kein Historiker. Sie müssen sich auch nicht durch die tausend-seitigen Schmöker durcharbeiten, die eifrige Autoren über Franz Joseph, den 2. Weltkrieg oder Klimts Frauen verfasst haben (und nur von Fremdenführern wirklich gelesen werden). Wenn Sie einfach ein bisschen mehr erfahren wollen, und das auf unterhaltsame und kurzweilige Art, anhand von real fassbaren Orten unsere Geschichte besser verstehen möchten, dann, meine lieb gewordenen fiktiven idealen Leser, buchen Sie einen Fremdenführer. 

Nutzen Sie die Zeit für eine Führung. Gerade in Wien gibt es ein riesiges Angebot an Spezialführungen. Besuchen Sie ein Museum mit einem Guide. Aber vor allem: Geben Sie den weniger gerühmten Orten eine Chance, Sie zu begeistern. Besuchen Sie St. Pölten und gehen Sie mit mir eine Stunde durch das Zentrum. Ich verspreche, Sie werden die Stadt mit ganz anderen Augen sehen. Denn hier zeigt sich die wahre Kunst der Fremdenführer: abseits von Klischees Begeisterung zu vermitteln.

(TH, 9.6.2020)